Von Peter Grubbe

Ashwa Rao ist 51 Jahre alt. Er lebt in Kalkutta. Bis vor einem Jahr war er Angestellter einer Textilfirma und verdiente dort zuletzt 130 Rupien im Monat, das sind 65 Mark. Jetzt ist er arbeitslos. Jeden Mittag holt er in einer Küche der Heilsarmee einen Napf Suppe für sich und seine Familie. Von der Suppe leben sie. Denn Arbeitslosenunterstützung gibt es in Indien nicht. Auf meine Frage, was wäre, wenn die Heilsarmee keine Suppe mehr ausgäbe, zuckt er die Achseln: "Ich weiß es nicht. Vielleicht werden wir sterben. In unserem Viertel sterben viele Menschen vor Hunger."

Raos Schwiegersohn ist Flüchtling. Er stammt aus Pakistan, wo er Bauer war. Er hat ein Stück Land beantragt. Denn Flüchtlinge, die Bauern sind, sollen Land erhalten. Aber man hat ihm erklärt, es gebe kein Land. "Es gibt Land", sagt Ashwa Rao. "Der Bruder unseres Hausbesitzers hat über 500 Hektar. Und es gibt ein Gesetz, daß niemand mehr als zwölf Hektar haben darf. Aber für die Reichen gelten die Gesetze bei uns nicht."

Mit seiner sechsköpfigen Familie wohnt er in einem Abstellraum von 10 Quadratmetern, ohne Fenster, ohne Wasser, ohne Toilette. Dafür zahlt er 30 Rupien Monatsmiete. Er leiht sich das Geld von seinem Bruder. Denn der Hauswirt, dem insgesamt 14 Häuser gehören, gibt zwei Polizisten regelmäßig Geld. Dafür setzen diese jeden Mieter auf die Straße, der nicht zahlt.

Ich frage Ashwa Rao, ob er Kommunist sei. Er zuckt die Achseln. "Ich war nie Kommunist. Die Kommunisten sind gegen Gott, und sie töten sogar Menschen. Aber ich bin heute nicht mehr gegen sie. Vielleicht geben sie uns Essen und Arbeit. Die Regierung verspricht uns das seit zwanzig Jahren, aber bis heute hat sie nichts getan." Es gibt Millionen Männer wie Ashwa Rao in Indien. Indien hat rund 550 Millionen Einwohner und nach einer Feststellung des indischen Staatspräsidenten Giri etwa 50 Millionen Arbeitslose. Das heißt: jeder vierte arbeitsfähige Inder hat keine Arbeit. Die genaue Zahl kennt allerdings niemand; da es keine Unterstützung gibt, werden die Arbeitslosen nicht registriert.

Nun hat es in Indien immer Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger gegeben. Die Straßen der Städte waren seit jeher voller Frauen, die ihre Babys hochhielten, und voller Männer, die ihre verstümmelten Glieder zeigten, um Mitleid zu erregen. In den Haustoren boten sich zwölf- bis vierzehnjährige Mädchen als Prostituierte an. Die Weltöffentlichkeit hat sich daran gewöhnt, denn die Inder selbst, so schien es, hatten sich damit abgefunden. Trotz Not und Elend, trotz Hunger und Arbeitslosigkeit kam es in Indien zu keinem Aufstand, zu keiner Revolution. Das Land blieb eine Demokratie. Der Stimmenanteil der Kommunisten blieb unter zehn Prozent.

Heute hat der ausländische Besucher zum erstenmal den Eindruck, all dies könnte sich ändern. Immer häufiger explodieren Bomben in den Städten. Immer häufiger werden aus politischen Gründen Menschen ermordet. Brandgeruch hängt in der Luft.