Von Michael Jungblut

In seinem spartanisch eingerichteten Arbeitszimmer im Basler Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung geht das Temperament mit Ota Šik, einem der prominentesten Mitglieder der Prager Reformregierung, durch:

"Wir waren keine Träumer oder Spieler, die die ČSSR einfach in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang hineingerissen haben. Wir haben auch nicht – wie Kleps (siehe ZEIT Nr. 44/45/46) es ausdrückt – zum Leidwesen der Bevölkerung übersehen, daß die herrschende Clique in Moskau unsere Bestrebungen als gefährlich betrachten mußte – nicht als gefährlich für den Sozialismus, sondern für ihre Machtposition. Wir waren einfach gezwungen, radikale Änderungen des ökonomischen als auch politischen Systems durchzusetzen, sollte der Sozialismus in seinen Grundideen überhaupt gerettet werden. Wir dachten nicht daran, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, sondern wollten erst die Voraussetzung für einen Sozialismus schaffen, der diesen Namen verdient."

Doch die Sowjets waren nicht bereit, diesem Experiment zuzuschauen. Der Versuch, dem Sozialismus, wie er gegenwärtig im Einflußbereich Moskaus praktiziert wird, ein menschlicheres Gesicht zu geben und die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft durch den Einbau marktwirtschaftlicher Elemente zu heben, wurde durch den Einmarsch der "Bruderarmeen" brutal gestoppt.

Karlheinz Kleps, Professor für Nationalökonomie an der Universität Linz, stellte in den drei vorangehenden Beiträgen fest, daß die von vielen Theoretikern prophezeite unaufhaltsame Annäherung zwischen Kapitalismus und Sozialismus bisher von der Praxis nicht bestätigt wurde. Die westlichen Industriestaaten haben in den vergangenen Jahrzehnten zwar manches "linke" Element in ihre Wirtschaft eingebaut (Globalsteuerung, Preiskontrollen, Einschränkung der privaten Verfügungsmacht über Produktionsmittel, Verstaatlichungen), aber der Abstand zu den Wirtschaftsordnungen östlichen Musters ist immer noch sehr groß.

Die Machthaber innerhalb des sozialistischen Lagers haben immer wieder klargemacht, daß sie nicht gewillt sind, bei ihren Liberalisierungsmaßnahmen über ein begrenztes, kontrollierbares und jederzeit zu widerrufendes Maß hinauszugehen. Nicht nur die Reaktion auf den "Prager Frühling", sondern auch die Moskauer Schriftstellerprozesse haben dies aller Welt vor Augen geführt. Das Fazit von Karlheinz Kleps: Um die Bestätigung der Konvergenztheorie, der These von der unaufhaltsamen Annäherung zwischen Ost und West durch die Praxis, steht es schlecht. Nicht Konvergenz, sondern Koexistenz, nicht Verschmelzung, sondern Wettbewerb der Systeme heißt die Losung, unter – der die überschaubare Zukunft stehen wird.

Allerdings – die Geschichte hält sich nicht an Theorien und sorgt immer wieder für Überraschungen. Wäre der Prager Frühling ein Moskauer Frühling gewesen, hätte es niemand gegeben, der die Reform mit einer Invasion hätte ersticken können. Diese Situation könnte sich eines Tages ergeben. "Die große Hoffnung ist, daß dieselben Probleme, wie sie die Tschechoslowakei hatte, sich eines Tages auch in der UdSSR anhäufen oder in einer breiteren Welle in den anderen sozialistischen Ländern Europas entstehen. Die Frage ist immer, wo entsteht das schwächste Glied? Das muß nicht gerade in Moskau sein", meint Šik heute.