Gibt es überhaupt die Möglichkeit, wesentliche Elemente des Sozialismus und des Kapitalismus zu vereinen und mit diesen Bausteinen, dem "Besten aus beiden Welten", eine funktionierende Gesellschaftsordnung aufzubauen? Ota Sik, der führende Kopf der tschechischen Wirtschaftsreformer, glaubt fest daran.

Als überzeugter Sozialist möchte auch Professor Šik das Privateigentum an Produktionsmitteln abschaffen, um damit die Möglichkeit der Ausbeutung derjenigen, die nur ihre Arbeitskraft anzubieten haben, durch die Besitzer des Kapitals unmöglich zu machen. Andererseits will Šik nicht auf eines der wesentlichen Elemente der westlichen Wirtschaftssysteme verzichten – den Markt. Kein anderer Wirtschaftsexperte aus dem sozialistischen Lager hat diese Forderung so deutlich und mutig ausgesprochen wie Ota Šik, und keiner hat einen so umfassenden Reformplan vorgelegt. Seine Auffassung legte er in dem grundlegenden Buch "Plan und Markt im Sozialismus" nieder, dessen tschechische Ausgabe 1964 (die deutsche 1965 bei Molden, Wien) erschien.

Wenn der heute im Baseler Exil lehrende Wirtschaftswissenschaftler über die wirtschaftlichen Verhältnisse in dem von der Sowjetunion kontrollierten Bereich spricht oder schreibt, setzt er Sozialismus immer in Anführungszeichen. "Denn ich bin tief davon überzeugt, daß, dies nichts anderes als ein Staatskapitalismus ist, besser gesagt ein Staatsmonopolismus. Ich glaube deshalb, daß der Weg zu einem Sozialismus, der diesen Namen wirklich verdient, gerade nicht über diesen bürokratischen Sozialismus führt."

Wohin das gegenwärtig im "sozialistischen Lager" praktizierte System führt, wenn es einem bereits hoch entwickelten Land wie der Tschechoslowakei aufgezwungen wird, schildert der ehemalige Wirtschaftsminister der Regierung Dub-ček in seinem Buch "Fakten der tschechoslowakischen Wirtschaft" (Molden Verlag 1969). Dabei wird deutlich, daß nicht etwa nur das in kapitalistischen Wirtschaftssystemen vorhandene Profitstreben die Menschen "verdirbt", wie von Marxisten immer wieder behauptet wird. Auch die Planwirtschaft prägt das Verhalten der unter diesem System lebenden und arbeitenden Menschen. Doch während das "Profitstreben" als Motor des Fortschritts auch seine unleugbaren positiven Seiten hat, wirkt das Streben nach "Planerfüllung" fortschritthemmend und sozial schädlich. Dazu Šik in seinem Buch:

"Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Tschechoslowakei unter dem Druck Moskaus zum administrativen, zentralisierten Wirtschaftsmodell der Planung und Leitung über ... Nach und nach brachten wir es fertig, die Initiative der Betriebe abzutöten; an Stelle eines gesunden sozialistischen Unternehmertums kam es im gesamten Land zu einer einseitigen Hetzjagd nach hohen Produktionsziffern. Diese abnormale Wirtschaft wurde von den Planungsstellen nur unterstützt. Die Betriebe entfernten sich mehr und mehr von ihren eigenen Bedürfnissen und denen ihrer Kunden und fügten sich ohne Widerstand den unqualifizierten Direktiven, Ratschlägen und von der Obrigkeit erlassenen Anweisungen."

"Die Machthaber in der Zentrale konfiszierten buchstäblich alle Geldmittel der Fabriken und verteilten aus ihnen nach eigenem Gutdünken die Mittel für Investitionen, Rohstoffe und Löhne. Den allmächtigen Göttern gleich, entschieden sie, worüber man unten, in den Betrieben, verhandeln durfte und worüber nicht. So entwickelte sich aus ungesunden Prinzipien, die höchstens im Krieg eine Berechtigung hatten, nachgerade eine eingefahrene Routine. Die Zentrale erließ von oben Anordnungen, wie viele Menschen in der Erzeugung beschäftigt waren, wieviel in groben Mengen erzeugt werden mußte, welche Sparten bevorzugt werden sollten und welche nicht. So verlor sich bei den Werktätigen, die laut Gesetz Mitinhaber des sozialistischen Eigentums waren, de facto das Gefühl, Mitinhaber zu sein."

An die Stelle der "Kapitalisten" traten also in den Staaten, die sich für den Sozialismus Moskauer Prägung entschieden haben, die Bürokraten. Sie entscheiden allerdings viel autoritärer und unbekümmert um die Wünsche der Bevölkerung über Menge und Art der Produktion, als es der hartgesottene Kapitalist je könnte.