Die Folgen schildert Ota Šik in dem bereits zitierten Buch so: "Das schwerwiegendste dabei war – es verschwand das Interesse des Erzeugers am Markt. Es mußte verschwinden, denn die Tätigkeit der Betriebe war von diesem Markt vollkommen unabhängig. Alles, was die Betriebe brauchten, mußten sie bei der gnädigen Obrigkeit erbitten, und bereits dies bedeutete an sich die totale Trennung der Produktion vom Verkaufserfolg. Die Bedürfnisse des Verbrauchers interessierten niemanden in der Tschechoslowakei. Natürlich mit Ausnahme der Verbraucher. Und die waren wir alle ..."

"Die Betriebe veränderten sich in passive Rädchen einer großen Wirtschaftsmaschine, die, von den Männern in der Zentrale angeworfen, zur größeren Produktion mit niedrigeren Kosten gezwungen wurden. Die Betriebe wehrten sich auf die natürlichste Weise – in ihren Vorschlägen unterbewerteten sie die Möglichkeiten, überbewerteten sie ihre Bedürfnisse. Sie kannten nämlich die Praxis der Obrigkeitsorgane, die automatisch einen größeren Umfang der Produktionsmenge vorschrieben, als die Betriebe erzeugen wollten oder konnten. Und sie strichen die Anforderungen zusammen, wo es nur möglich war. So bildete sich der Mechanismus eines großartigen Betrügens aus, ein Spiel mit verdeckten Karten, der einzige Bereich, in dem sich tatsächlich die Initiative des Menschen völlig entfaltete."

Ein Beispiel für die vom Plan erzwungene Perversion wirtschaftlichen Verhaltens, das Ota Šik im Gespräch gern anführt: Die Tschechoslowakei besaß früher eine hochentwickelte Maschinenbauindustrie. Sie ist ein rohstoffarmes Land, und auf dem Weltmarkt sind heute möglichst leichte Maschinen gefragt. Dennoch gehören die in der Tschechoslowakei gebauten Maschinen heute zu den schwersten der Welt, welche auf Außenmärkten nur zu relativ niedrigen Preisen Käufer finden. Der Grund: Weil man innerhalb des Landes über kein ökonomisches, sondern ein administratives Preissystem verfügt, wird die Planerfüllung durch bevorzugte Produktion materialmäßig anspruchsvoller, preismäßig hochgeschraubter Waren erleichtert. Die Betriebsleiter packen deshalb soviel Stahl wie nur möglich in neu konstruierte Maschinen, um beim Preisamt höhere Preise zu erzielen und mit Hilfe solcher Produkte das Planziel so rasch wie möglich zu erfüllen oder möglichst zu übertreffen – denn dafür gibt es Prämien. "Der Profit wird auf diese Art hochgetrieben durch die Quantität der Produktion und durch strukturelle sowie preisliche Schwindel, nicht durch Qualitätsentwicklung, technischen Fortschritt und bessere Befriedigung der Bedürfnisse der Konsumenten."

Angesichts solcher Mißstände und "der zahllosen Widersprüche bin ich zutiefst überzeugt, daß die Notwendigkeit für Reformen – und zwar in der Richtung, wie wir es in der Tschechoslowakei beabsichtigt haben – immer stärker wird. Auf Grund historischer Erkenntnisse weiß ich, daß die Politik für eine gewisse Zeit stärker ist als die Ökonomie. Wie lange, kann man nie sagen, aber man kann die Wirtschaft nicht auf die Dauer vergewaltigen. Früher oder später muß die Politik den ökonomischen Bedürfnissen weichen. Und je reaktionärer das politische Regime ist, um so größer werden die Schwierigkeiten in der Wirtschaft. Je größer die Unterschiede in der technischen Entwicklung und im Lebensstandard zwischen Ost und West werden, um so notwendiger wird in einem gewissen Moment die Änderung der politischen Verhältnisse."

Im Gegensatz zu Kieps hält Šik nichts davon, die Wirtschaftssysteme auf einer "Systemskala" anzuordnen, bei der ganz links die straff zentral geleitete Planwirtschaft, rechts die von Staatseingriffen völlig freie Marktwirtschaft und in der Mitte die "funktionsschwachen Mischsysteme" stehen, die weder Fisch noch Fleisch, leistungsschwach und krisenanfällig sind. Temperamentvoll weist Šik die Vorstellung zurück, daß in der Tschechoslowakei auf Grund seiner Ideen ein solches Mischsystem hätte entstehen können, wie es heute in einigen Entwicklungsländern existiert, die nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich mehr oder weniger erfolglos zwischen Ost und West lavieren.

"Ich lehne solche Schwarzweißgemälde ab. Wenn man im System dieser Skala denkt, dann liegen die Entwicklungsländer plötzlich in der Mitte zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Und wenn man von dem einen System abweicht, muß man danach automatisch in das andere hineingeraten. Es ist doch unlogisch, von einem reformierten "Sozialismus" oder Kapitalismus zu erwarten, daß er plötzlich auf der gleichen Stufe steht, wie die Entwicklungsländer. Nein, ich sehe den Prozeß historisch. Dann liegen die Entwicklungsländer nicht irgendwo in der Mitte, sondern am Anfang. Bei einer solchen Betrachtung darf man die Entwicklung der Produktionskräfte doch nicht einfach außer acht lassen – und dann stehen der Kapitalismus und der örtliche Staatsmonopolismus eben schon auf einer viel höheren Stufe. Von dort aus können sie sich weiter entwickeln. Sie haben verschiedene Ausgangspunkte, können sich aber in diesem Prozeß näherkommen."

Diese Annäherung vollzieht sich heute schon. Im Westen beobacht Sik wie die groben Konzerine mit ihrer breiten Schren von Technokraten und Managern immer enger mit den Vertretern des Staates zusammenarbeiten. Beide Gruppen übernehmen gemeinsam die Lenkung der Wirtschaft. Sie erfüllen damit zwar eine positive Funktion in der Gesellschaft, setzen aber immer einseitiger die Interessen der Produzenten durch. Die Entwicklung gehe hin zu immer massiveren Eingriffen des Staates, zum Staatsmonopolismus. Die Interessen des Menschen als Konsument, aber "auch als humanes Lebewesen, das mehr braucht als nur materielle Güter, kommen dabei zu kurz". Und hier sieht Šik dann schließlich "keinen großen Sprung mehr zum heutigen Staatsmonopolismus sowjetischen Typs, wo die Konsumenten und überhaupt die breite Masse ausgeschaltet ist. Dort herrscht eine Machtelite, die auch nur wieder einseitige Produzenteninteressen durchsetzt".