Von Kenneth Porter

Er sprach lauter, als es die Würde eines Geheimen Medizinalrats eigentlich zuließ. Mit sich überschlagender Stimme rief Wilhelm Weygandt während eines Kongresses im Jahre 1910 in Hamburg aus: "Die Theorien dieses Herrn sind keine Angelegenheit der Wissenschaft, sie sind eine Angelegenheit der Polizei!"

Mit dem Herrn war der Wiener Nervenarzt Sigmund Freud gemeint, mit seinen Theorien alles, was unter die Begriffe Psychoanalyse und Psychotherapie fällt, und mit der Polizei – nun ja, aufgeregte Gemüter rufen immer noch nach ihr, wenn sie merken, daß die geheimen Verführer zur Erfüllbarkeit geheimer Wünsche im so sorgsam gehüteten Intimbereich tasten.

Freud und seine Schüler, Gegner, Jünger, und Feinde sind zweifellos, an vielem schuld. Auch daran,, daß, wie es kürzlich angesichts des umstrittenen Pornoberichts im Fernsehen formuliert wurde, Manager des Konsums nach den Verbrauchergenitalien greifen.

Gerade auch in der Auseinandersetzung mit seinen Ideen und Erfahrungen macht Freud es den auf Bedarfs- und Bedürfnisweckung zielenden Werbefachleuten möglich, die Wunschträume der Kunden kennenzulernen, zu analysieren, umzusetzen in die gängige Wechselwirkung zwischen Geldbörse und Warenangebot. Und da nun der seit Aristoteles unbestritten als mächtigster anerkannte Trieb zur Nahrungsaufnahme in der modernen Zivilisation wenn nicht gehemmt, so doch zumindest gebrochen ist, wendet man sich, noch zögernd freilich, dem Sexualtrieb zu. Mit anderen Worten: Hunger verkauft sich nicht besonders gut, weil ein in noch so erlesenem Edelfett naturfrisch gebratenes, noch so tiefenscharf farbig photographiertes Steak eben ein Steak ist. Mit Sex aber weiß man’s noch nicht so genau.

Warum, fragt ein großes Waschmittelunternehmen in einer Anzeige, interessieren wir uns für Frauenlippen? Und unter einem sinnlich geöffneten Lippenpaar über Seitenbreite antwortet der Konzern selber: Weil er auch ein bedeutender Kosmetikproduzent ist. Nun gibt es bekanntlich andere Gründe, sich für Frauenlippen zu interessieren, besonders einen. Der Psychologe wird den Kuß nicht als Knutscherei abtun, sondern ihn zur Betätigung im Vorlustreizraum emporforemulieren.

Mit den leicht verunschärften, etwa 26 Zentimeter breiten Frauenlippen wird hier also eine Assoziationskette angesprochen, deren letztes Glied sicher nicht in einer weißer als weiß machenden Waschlauge liegt. Gespitzte Lippen verwendet auch, eine Kirschlikörfirma, die anmerkt: "Nur ein Kuß schmeckt besser." Auch für die Hersteller von desodorierenden – Mundwässern und strahlenden Zahnpasten ist Küssen vordergründige Geschmackssache. Eine Feuerzeugmarke fängt’s früher an. Zwischen den feuchten roten. Lippen steckt eine feuerlose Zigarette, und-auch der ausdrücklich angesprochene Nichtraucher sieht hier "den schönsten Grund", ein Feuerzeug: zu erwerben. Allerdings muß er sich mit weitergehenden Wünschen als dem Feuergeben wohl eine Zigarettenlängenoch gedulden. Und schon 1929, als Lippenstifte noch nicht so selbstverständlich waren, wußte und warb Coty: "Nur rote Lippen, werden gern geküßt."