Nach 25 Jahren: Wird die Kluft zwischen Deutschen und Polen zugeschüttet?

Von Hansjakob Stehle

Warschau, im November

Das Palais, in dem die deutsch-polnischen Verhandlungen geführt wurden, liegt in der Warschauer Foksalstraße.– am Ende einer Sackgasse. In der Nacht zum 14. November erloschen hinter seinen Fenstern die Lichter nicht. Es war eine endlose Nacht. Würde es den siebzehn Deutschen und vierzehn Polen, die sich zur letzten entscheidenden Verhandlungsrunde zusammengesetzt hatten, gelingen, "eine Epoche leidvoller Geschichte abzuschließen"?

Dieses Ziel hatte Bundesaußenminister Scheel noch einmal beschworen, nachdem er kurz vor Mitternacht mit seinem polnischen Kollegen Jedrychowski unter vier Augen zusammengetroffen war. Nun lag zwar ein nahezu fertiger Vertragstext mit Begleitpapieren auf dem Tisch, aber noch immer waren strittige Punkte übrig, darunter ein für die Polen besonders neuralgischer, "ohne dessen Klärung wir nicht nach Hause fahren können" – so hatte der Sprecher des Auswärtigen Amtes erklärt.

Gegen zwei Uhr durften sich die frierenden Journalisten und Kameraleute, die vor dem Gebäude ausgeharrt hatten, im ersten Stock, unmittelbar unter dem Konferenzraum, aufwärmen. "Sind die Helden noch nicht müde?" fragte ich um 2.40 Uhr, als der Sprecher des polnischen Außenministeriums, Mulick, auf der Treppe erschien. "Nein, aber sie haben die Waffen niedergelegt", lächelte er. Kurz vor drei Uhr fuhr ein Bote mit einem verschlossenen Umschlag im Eiltempo zum Zentralkomitee der Partei, wo im Büro Gomulkas noch die Lichter brannten. Zwanzig Minuten später, als der Bote zurückgekehrt war, zog sich die bundesdeutsche Delegation zur separaten Beratung zurück.

Auf der Treppe ließ sich Ministerialdirektor Cyrek sehen, der Chef des Planungsstabes im polnischen Außenministerium. Er hatte vor vierzehn Jahren als Attaché in Berlin die ersten enttäuschenden Gespräche mit Bonner Parlamentariern geführt. "Von unserer Seite ist alles klar", bemerkte Cyrek.