Experten schätzen, daß in der EWG innerhalb dieses Jahrzehnts mindestens jeder zehnte Erwerbstätige seinen gegenwärtig ausgeübten Beruf aufgeben muß, weil er durch den Wandel der Technik, der Organisationsformen und der Produktionsstruktur überflüssig wird. Arbeitsmarktprognosen für die Bundesrepublik haben ergeben, daß etwa 44 Prozent der Erwerbstätigen (das sind rund elf Millionen) bis 1980 den Arbeitsplatz wechseln müssen. Oft wird dies mit einem Wechsel des Berufes verbunden sein. Für immer mehr Beschäftigte nimmt deshalb die Erwerbstätigkeit den Charakter des Jobs an. Mobilität wird in Zukunft am Arbeitsplatz eine noch größere Rolle Spielen als bisher.

Keine Angst – der Berufswechsel wird nicht immer so radikal sein wie der Wechsel vom Acker ans Fließband. Oft kann die Umschulung am alten Arbeitsplatz stattfinden – wie beispielsweise bei der Umstellung der Buchführung auf elektronische Datenverarbeitung. In vielen Fällen sind die Übergänge auch fließend. Die Abwanderung von Arbeitskräften aus der Landwirtschaft in den Dienstleistungssektor kann nämlich einfach darin bestehen, daß bei manchen Betrieben Ackerbau und Viehzucht immer mehr zugunsten des Fremdenverkehrs vernachlässigt werden – bis schließlich die ganze Familie feststellt, daß Touristen leichter zu melken sind als Kühe. Es handelt sich dann nur statistisch um Landflucht,

Doch welche Tätigkeiten verdienen – mit dem Blick auf die Zukunft – überhaupt noch die Bezeichnung Beruf?

Mit wenigen Ausnahmen handelt es sich um Funktionen, die nichts oder nur wenig mit der unmittelbaren Güterproduktion zu tun haben, Die meisten Tätigkeiten, für die ein Universitätsstudium Voraussetzung ist, können als echte Berufe angesehen werden. Bestehen bleiben gerade die Akademikerberufe, deren Träger früher wegen der oft sehr schlechten Bezahlung als akademisches Proletariat bezeichnet wurden. Hierzu gehören vor allem die Lehrer an Schulen und Hochschulen, Pfarrer, Richter, Staats- und Rechtsanwälte, Ärzte und Apotheker. Auch Lehrer, Ärzte und Juristen werden zwar mehr noch als bisher die Technik in ihre Arbeit einbeziehen müssen – ob es nun die programmierte Lernmaschine, die Strahlenheilkunde, der Computer als Diagnosehilfe oder Rechtsarchiv ist –, aber wer den Menschen erzieht und bildet, ihn heilt, seine religiösen Bedürfnisse stillt oder für sein Recht sorgt, kann durch mechanische und elektronische Apparate nicht ersetzt, sondern nur unterstützt werden.

Eine sichere Zukunft als Forscher, Konstrukteure, Planer und Überwacher des Produktionsprozesses haben Naturwissenschaftler, Mathematiker und Ingenieure – wie sollte es auch anders sein, prägen doch ihre Disziplinen die zweite Hälfte des Jahrhunderts noch stärker als die erste. Sie werden allerdings in den Forschungslaboratorien, in den Konstruktionsbüros und bei der Kontrolle des Produktionsablaufs vor immer neuen Aufgaben stehen, und der Wissensstoff, der beispielsweise auf dem Gebiet der Chemie, schon seit langem für einen einzelnen Fachmann nicht mehr überschaubar ist, wird sich weiter ausdehnen. Wer mit der Entwicklung Schritt hält, kann sicher sein, einen Lebenberuf auszuüben.

Die Chancen von guten Naturwissenschaftlern, Mathematikern und Technikern sind auch deswegen besonders hoch, weil bei fast allen Disziplinen dieser Richtung die Zahl der Absolventen viel niedriger ist als die Nachfrage der Wirtschaft. Wegen der Struktur unseres Schulwesens, daß im Zeitalter von Wissenschaft und Technik die naturwissenschaftlichen und mathematischen Fächer immer noch relativ vernachlässigt und daher zuwenig Schüler auf ein einschlägiges Studium vorbereitet, wird dies auf absehbare Zeit auch noch so bleiben. Mangel an qualifizierten Arbeitskräften in einem bestimmten Beruf ist immer noch die beste Garantie dafür, daß diejenigen, die die oft mühsame Ausbildung für naturwissenschaftliche, mathematische und technische Berufe auf sich genommen haben, später dafür durch besonders gute Verdienstmöglichkeiten und Aufstiegschancen belohnt werden.

Nicht nur die ärztlichen Berufe, auch die meisten nichtakademischen Heil- und Pflegeberufe sind absolut zukunftssicher: die Krankenschwester, der Pfleger, Kindergärtnerinnen, aber auch alle Berufe, die sich mit der vorbeugenden Gesundheitspflege beschäftigen. Der steigende Lebensstandard wird ihnen in den kommenden Jahren eine wachsende Nachfrage bescheren,

Auszug aus: "Männerberuf" mit Zukunft, das neue Handbuch der Berufsberatung", das bei Moderne Verlags GmbH, München (265 Seiten, 19,80 Mark) erscheint. Neben einem Überblick über die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die finanziellen Hilfen für die Berufsausbildung und anderen praktischen Hinweisen werden dort über 200 aussichtsreiche Männerberufe mit Hinweisen über Ausbildung- und Aufstiegsmöglichkeiten vorgestellt.