Mit mittelalterlichen Kirchenliedern und ebenso veralteten Glaubensbekenntnissen kann heute niemandem mehr geholfen werden. Der Mensch ist nicht fähig zu singen "Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit", wenn er an all das Elend auf der ganzen. Welt denken muß, wo Gott sich nicht barmherzig erwiesen hat. Scheinbar war Gott noch nicht in Vietnam, hat von dem Elend in Jordanien noch nichts gehört.

Überhaupt scheint mir, daß das Kirchenlied als Verbindung schaffendes Element nicht mehr so recht geeignet ist: Die fortschreitende Isolierung des einzelnen kann dadurch nicht unterbunden werden.

Gewiß haben modern denkende Pastoren längst eingesehen, daß das alte Kirchenlied durch neuzeitliche Lieder ersetzt werden muß. Doch nützen diese neuen Lieder – eventuell sogar Beatrhythmen in der Kirche – wenig, wenn die eigentliche Struktur der Kirche unangetastet bleibt.

Die Haltung des einzelnen der Kirche gegenüber muß sich ändern, die Kirche ihrerseits muß ihre Haltung den Gläubigen gegenüber ändern. Eine neue, der Zeit angepaßte gemeinsame Basis muß gefunden werden, wenn die Kirche weiterhin ihren Platz in der Gesellschaft behalten will.

Schon oft habe ich als Argument für ein Nichtglauben-Können gehört, daß man doch jetzt, da der Mensch das All, den "Himmel" erobert habe, nicht mehr daran glauben könne, daß Gott "dort oben" sei. Ich finde, mit einer solchen Erklärung macht man es sich zu leicht. Denn es geht ja nicht darum festzustellen, daß, wenn Gott dort, oben nicht sei, es ihn folglich auch gar nicht geben könne.

Nur: das Bild war eben überholt. Es paßte wohl einmal in eine Zeit, da der Mensch in Ermangelung des Verständnisses vielen Dingen gegenüber an Wunder und an überirdische Geschehnisse glaubte. Diesem. Menschen konnte man die abstrakte Gestalt eines Gottes nur verständlich machen, indem man auf ihn und seine Welt einging, das heißt ihm ein auf ihn zugeschnittenes Bild gab, an das er sich halten konnte.

Wir brauchen diese Bilder nicht mehr; man kann uns Gut und Böse nicht mehr durch Himmel und Engel auf der einen, Teufel und Hölle auf der anderen Seite erklären.