Seit vielen Jahren arbeitet die deutsche Filmwirtschaft kräftig am eigenen Bankrott, und seit kurzem ist das nicht mehr nur eine Behauptung von Filmkritikern, die solche Sätze ja seit Jahren schreiben. Denn jetzt hat es die Filmindustrie von einer Seite bestätigt bekommen, der sie es wohl wird glauben müssen: die Filmförderungsanstalt in Berlin (FFA), eine Anstalt des öffentlichen Rechts, deren Gremien durchweg mit Professionals eben der Filmwirtschaft besetzt sind, hat bei Münchner Marktforschungsinstituten zwei Studien über das Verhältnis der Deutschen zu Film und Kino in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse schlimmer ausgefallen sind, als selbst arge Pessimisten befürchtet haben mochten.

Die eine, die Motivstudie des "Institute for Motivational Research Ernest Dichter" ‚ versuchte zu klären, warum das Publikum ins Kino geht; oder nicht geht. Die andere, von Infratest, erhärtete quantitativ, was Dichter qualitativ herausgefunden hatte: durch eine Repräsentativumfrage bei rund zweitausend Bundesbürgern.

Die Tendenz der beiden Untersuchungen, grob in einem Satz zusammengedrängt: Die deutsche Filmwirtschaft produziert an den Wünschen und an den Bedürfnissen des Publikums vorbei. Infratest notiert, "daß viele Kinogänger nicht das sehen, was sie gern sehen möchten".

Das heißt doch wohl: vielen mißfällt das Angebot; sie gehen deswegen erst gar nicht mehr hinein in die Kinos (vierzig Prozent der Bevölkerung) oder nur selten (weniger als einmal im Monat: dreiundvierzig Prozent).

Die Unlust von somit immerhin dreiundachtzig’ Prozent der Bevölkerung, sich im Kino Filme anzugucken, kommt vorwiegend daher, daß Filme und Kinoräume den Erwartungen nicht entsprechen; und nicht, weil das Kino generell nicht mehr diskutabel wäre oder vielleicht vom Fernsehen überholt, was ärgerliche Kinobesitzer immer wieder behaupten. Das Kino hat, im Gegenteil, einen ziemlich hohen und fest umrissenen Stellenwert innerhalb der Freizeitübungen Fernsehen, Fußball, Theater, Illustrierte; vielmehr: es könnte ihn haben. Wobei mit Kino immer nur das kommerzielle Kino gemeint ist, das den Auftraggebern der Untersuchungen bis "Zur Sache, Schätzchen" reicht – Neueres, Jüngeres kommt nicht vor. Aber von den neuen deutschen Spielfilmproduzenten hat die offiziöse Filmwirtschaft ja noch nie viel gehalten.

Unlust also bei dreiundachtzig Prozent der Bevölkerung, sich in die Kinos zu hocken; nur siebzehn Prozent gehen häufiger hin, einmal im Monat und mehr. Für diese siebzehn Prozent wird somit produziert: für jeden sechsten Deutschen. Die anderen werden kaum oder überhaupt nicht bedient. Das ist, mit Verlaub, wirtschaftliche Blindheit. Aber es kommt schlimmer.

Dichter und Infratest haben herauszukriegen versucht, was das Publikum an den Filmen mag. Sex, Erotik, Aufklärung stehen an unterster Stelle. So möchten zum Beispiel die wenigsten von denen, die Kolles "Wunder der Liebe" gesehen haben, diesen Film noch einmal sehen; und von denen, die ihn nicht gesehen haben, möchten wenige reingehen – weit größer ist die Nachfrage nach "Ben Hur" und nach der "Luftschlacht um England". Alle Befragten haben da – mit kleinen Abweichungen – gleich reagiert: Männer wie Frauen, Kinogänger wie Nicht-Kinogänger. Wer nicht ins Kino geht, hat sich seine Abneigung eben angelesen oder angehört.