Von Christel Buschmann

Das Gesetz steht, und man muß sich bögen.

René Durand

Da Künstler, vor allem Literaten, sich seit geraumer Zeit gern in der sogenannten Unterwelt, also auch in der von St. Pauli bewegen, um dort zwecks Auffrischung und besseren Verkaufs ihrer Kunstprodukte am Trivialen zu schnuppern, sollte man sich eigentlich auch nicht wundern, wenn der "ungekrönte Striptease-König von St. Pauli", René Durand, nun auch einmal die Kunst bemüht. Sein individuelles Kunstverständnis ist allerdings – wie die Eröffnung des "Erotic-Theater-Salambo-Große Freiheit 39" am letzten Freitag gezeigt hat – noch erheblich problematischer als die Frage nach einer Definitionsmöglichkeit von Kunst ohnehin schon. Und es bringt die Hamburger Kulturbehörde in nicht geringe Verlegenheit.

Angefangen hat die Geschichte möglicherweise schon mit der Schließung des legendären Star-Clubs, die Durand die Räume für sein Unternehmen lieferte. Unaufhaltsam ins Rollen kam sie dann durch die plötzliche Schließung der Stripteasebar "Salambo", weil die Sitte Anstoß nahm an Durands "Jonny-Nummer zu viert". Was macht ein cleverer Geschäftsmann, dem seine Berufsausübung unmöglich und der finanzielle Ruin möglich gemacht werden? Er sinnt auf Mittel und Wege, das Verbot zu umgehen.

René Durand, 47jähriger Franzose, gründete die "Sexual-liberale Aktion". Parteiversammlungsort ist das "Salambo", und die Aktionen geschlossener Gesellschaften sind durch Unzuchtparagraphen nicht zu verbieten. Die "junge dynamische Gründungsmannschaft" besteht aus elf Männern und acht Frauen: Beamte, Kaufleute, Handwerker, Artisten, Studenten, Büroangestellte und eine Kinderkrankenschwester. Den Vorsitz hat Durand, Geschäftsführer ist ein Rechtsanwalt, der seinen Namen "aus standesrechtlichen Gründen" nicht genannt wissen will. Als Mitglieder sind alle willkommen, die 15 Mark Aufnahmegebühr und 40 Mark Jahresbeitrag bezahlen, sowie an den "Möglichkeiten zur freien Entfaltung", an "persönlichen Kontakten" und am "Genuß von sonst verbotenen Darbietungen und Filmen" interessiert sind. Der Vereinsrechtsausschuß will "die vorbereiteten Entwürfe zur Liberalisierung des Sexualstrafrechts auf ihre Vollständigkeit und den Ausschluß jeder restriktiven Interpretationsmöglichkeiten prüfen".

Einen Pferdefuß allerdings hat diese Rechtsform doch, wie Oberamtsrat Falck, bekannt als St.-Pauli-Säuberer, auch entdeckte: "Wenn die dort was ausschenken, fällt alles andere unter das Gaststättengesetz." Da ist eine Konzession nach Paragraph 33a der Gewerbeordnung – überschrieben mit "Singspiele u. ä. im geschlossenen Raum" – kommerziell schon besser zu verwerten. Die Erlaubnis solcher "Singspiele u. ä." ist nur dann "zu versagen", wenn kein "höheres Interesse der Kunst oder Wissenschaft dabei obwaltet".