Hat die verunsicherte Generation noch eine Chance? Ein Diskussionsbeitrag

Von Leona Siebenschön

Mit dieser zweiten Folge (aus einem längeren Aufsatz für den Abdruck in der Zeitung stark gekürzt) schließen wir den Diskussionsbeitrag über die "unversicherte Generation" ab.

Noch um die Jahrhundertwende hielt Sigmund Freud die freie Befriedigung der Triebansprüche für unvereinbar mit einer kultivierten Gesellschaft; Fortschritt schien ihm nur möglich um den Tribut von Triebverzicht und unterjochter Libido.

Jetzt sprechen Freud-Nachfolger von Moral, wenn es um die Aufforderung geht, wechselseitig zur Befriedigung des Daseins beizutragen; denn friedensfähig sei nur der vital befriedigte Mensch.

Durch die Jahrtausende haben Seelenhirten und Sozialordner in Kirchen und Kanzleien die Waffen geschmiedet, die Federn gezückt für ihren fanatischen Feldzug wider das Fleisch, die Lust und die Begierde. In eineinhalb christlichen Jahrtausenden wurde Adam in die Christenpflicht gezwungen, sich seiner Sinnlichkeit zu schämen, seine Triebe zu beherrschen. Heute, gegen Ende des 20. Jahrhunderts, im Zeitalter der Emanzipation, soll das alles nicht mehr gelten. Als "Verteufelung des Leibes", als "Manichäische Pest" (so der katholische Moraltheologe Professor Franz Xaver Arnold) wird angeprangert, worauf bislang die Ordnung der Gesellschaft, die klerikale Macht, das Selbstverständnis der christlichen Menschheit gründeten. Sex, vom Sündengift entschlackt, wurde zum Gebot und Angebot. Adam soll sich amüsieren.

Doch nicht anders als die fetischhaft verwendeten Beschwörungsformeln "Sicherheit und Wohlstand", "Ruhe und Ordnung", signalisiert auch der hektisch anmutende Abbruch der Tabu-Kulissen ein weit um sich greifendes Gefühl der Unsicherheit, Das große Unbehagen wächst, wobei freilich die Aushöhlung von Moral- und Sexual-Kodex nur eine Facette ist im Mosaik der Verunsicherung, die das Leben und Lebensgefühl heute weitgehend kennzeichnet.