Im selben Maß, wie die christliche Heilsbotschaft mit ihren Tröstungen im Jenseits den Diesseitigen unglaubwürdig wurde und ein Vakuum hinterließ, wuchs die Beklemmung angesichts irdischer Verstrickungen. Brüchig wird nun auch das moderne Kredo, das an die Leerstelle der Weltreligion trat: Der Glaube an die Allmacht der Wissenschaft. Daß Forschung und Fortschritt der Menschheit statt Heil nun Unheil bescheren, bedarf nicht derart singulärer Beweise: wie Nagasaki und Hiroshima. Nahezu an allen Fronten ist die Wissenschaft fragwürdig geworden, die ohne jedes moralische und soziale Korrektiv operiert; und so unheimlich dünkte beispielsweise dem amerikanischen Biochemiker James Shapiro, dem im Vorjahr erstmals die Isolierung eines Gens gelang, sein eigener Erfolg, daß er, betroffen von der makabren Aussicht auf mögliche Eingriffe in menschliches Erbgut, seinen Beruf aufgab.

Es dämmert der Verdacht, daß der point of no return (Biologie-Professor Berry Commoner) auf dem "selbstmörderischen Kurs" zur Selbstzerstörung und Umweltverheerung mit den Mitteln der Wissenschaft allein nicht mehr zu vermeiden ist. Nicht eines der bedrohlichen Weltprobleme, nicht die Sozialexplosionen der mächtigsten Industrienation, nicht das Chaos in den Metropolen, weder die Welternährungskatastrophe noch die Bevölkerungsexplosion scheinen mehr steuerbar. Gleich dem Primitiven in seiner von Dämonen umstellten Welt, sieht sich der zivilisierte Mensch im postindustriellen Zeitalter dem Menetekel ausgeliefert, das er selbst heraufbeschworen hat und nicht mehr bändigen kann. Wie sollte es ihm unter solchen Voraussetzungen gelingen, sich nach eigenem Entwurf auf diesem von Aufruhr und Krisen geplagten Planeten einzurichten, zumal er mit sich selbst so heillos zerstritten ist?

Denn der Angelpunkt der vielschichtigen Verunsicherung liegt im Menschen selbst, in eben jener Zerrissenheit zwischen zwei einander widerstreitenden Zwängen: dem anerzogenen, eingeprägten Diktat zum Triebverzicht, zur Selbstbeherrschung, und dem neuerlichen Aufruf, sich ungehemmter Sinneserfahrungen hinzugeben, die eingepflanzte Zölibatären-Moral auszuziehen wie einen verfaulten Zahn. Wollust als Erlösung, Befreiung des Unbewußten in sexueller Ekstase empfiehlt der englische Sexforscher Alex Comfort. Man ruft Dionysos an.

Betagte Bürger und gestrenge Sittenwächter, die ihren kalten Frieden mit sich und dem "störrischen Trieb" (Freud) erzwungen haben, mögen gefeit dem heidnischen Wetterleuchten sich entziehen und im Bannkreis energisch bewährter Maßstäbe weitgehend verschont bleiben von der existentiellen Verunsicherung. Sie für ihr Teil wissen noch, was dem Menschen, seiner Sicherheit, seinem Seelenheil frommt.

Väter ohne Vertrauen

Ebenfalls kaum bedrängt von Dionysos zeigt sich auf der anderen Seite die "unbefangene Generation" (Viggo Graf Blücher), die Jugend, für die Sex "sekundär" (Marshall McLuhan), weil selbstverständlich und also nicht von bedrängender Problematik ist. Mit jener Gelassenheit, jener "diskreten Form der elastischen Selbstverteidigung" (Arnold Gehlen), die ihnen als Generations-Charakteristikum eigen ist, begegnen sie der Welt und ihren Krisen, begegnen sie auch sich selbst und geraten schwerlich in die Verlegenheit, sich mit Selbstzweifel und Selbstvorwürfen zu peinigen. Das überlassen sie ihren Vätern und allen, denen sie sowieso nicht trauen: die über dreißig sind.

Die mittlere Generation, noch nicht alt und nicht mehr jung, durch Chaoserfahrungen in ihrer Jugend ebenso skeptisch wie pragmatisch geworden, den Realitäten angepaßt, sie vor allem lebt in Zerrissenheit und wird unter den Anforderungen der sich wandelnden Welt zur überforderten Generation. Zu Widersprüchlichem ist sie herausgefordert: Für die einen soll sie die Welt bewahren, wie sie ist, samt ihren Zwängen und Repressionen; und für die anderen soll sie Wege bereiten in eine gerechtere Gesellschaft.