Den Ausgleich mit dem Nachbar Polen durfte er nun nicht mehr erleben. Seit mehr als zehn Jahren hatte er Verständigung zwischen Deutschen und Polen gepredigt: in Vorträgen, Reden, Seminaren, in der Bundesrepublik, aber auch bei Besuchen in Polen. Ihn, den Historiker eher konservativer Couleur, den Ordenskanzler des Pour le mérite, konnte man nicht leichthin als "Verzichtler" diffamieren, wenn er mit der unbekümmerten Offenheit, die ihn auszeichnete, schon in der Ära Adenauer feststellte, daß die Ostprovinzen nie wieder deutsch würden.

Percy Ernst Schramm, der in der Gelehrtenwelt berühmte Göttinger Professor, der am 12. November den Folgen eines Herzinfarkts erlag und am Montag in seiner Vaterstadt Hamburg beigesetzt wird, war trotz seiner 75 Jahre noch von rastloser Schaffensfreude erfüllt. In diesen Wochen wird der fünfte und letzte Band seiner gesammelten Aufsätze zur mittelalterlichen Geschichte erscheinen, gleichsam der Schlußstein seines Lebenswerkes. Unter seinen Fachkollegen kann kein Zweifel bestehen, daß dem Mediaevisten die Palme zuerkannt werden muß, wenn am Grabe seine Verdienste gerühmt werden, auch wenn dem Volke der Zeitgeschichtsforscher bekannter ist.

Schramms bahnbrechende Forschungen über die Erscheinungsformen weltlicher und geistlicher Herrschaft im Mittelalter, über Krone, Zepter und Reichsapfel, über Herrscherbilder, Staatssymbole und Krönungsriten, trugen ihm Weltruhm ein. Die Times lobte in ihrem Nachruf seine "History of the English Coronation" als Standardwerk und vergaß nicht zu erwähnen, daß bei der Krönung Georgs VI. für ihn ein Platz in der Westminster Kirche reserviert wurde.

Percy Ernst Schramm war einer der letzten Universalhistoriker in der großen Tradition des 19. Jahrhunderts – ein Typ, der heute in der revolutionierten Welt der Universitäten keinen rechten Platz mehr fände. Er hat noch die Gemeinsamkeit der Lehrenden und Lernenden praktiziert. Seine Schüler, von denen sich etliche zu seiner Ehre mit dem Professorentitel schmücken dürfen, sind des Lobes voll über seine pädagogischen Talente. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat er sich mit großzügigem Verständnis der heimgesuchten Kriegsgeneration angenommen. Für seine Doktoranden war er wirklich ein "Vater", dessen Tür immer für sie offen stand. Seine eigenen wissenschaftlichen Arbeiten unterwarf er, sogar noch als Emeritus, selbstkritisch der Kontrolle seiner Freunde und Schüler.

Dieser Wesenszug mag ein hanseatisches Erbe gewesen sein, ebenso der Hang zur Selbstironie, dieser feinen Kunst, natürliche Eitelkeit erträglich zu machen, indem man sich, selber in Frage stellt. Auf sein Hamburger Bürgertum – das sich für ihn in seinem Vater, dem ehemaligen Bürgermeister der zwanziger Jahre, und in seiner Mutter aus der Patrizierfamilie der O’Swalds verkörperte – hielt er sich zeitlebens etwas zugute. Wiewohl seit vierzig Jahren in Göttingen ansässig, bewahrte er der Hansestadt seine Liebe. Einige Werke – "Hamburg, Deutschland und die Welt", "Hamburger Biedermeier" und die Familiengeschichte "Neun Generationen" – zeugen davon. Heute mögen junge Studenten diesen Versuch, mit Hilfe der Genealogie Kultur-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte zu erhellen, wohl belächeln; in den ersten Nachkriegsjahren war dies eine Pioniertat.

Durch glücklichen Zufall geriet der Erforscher königlicher und bürgerlicher Familientraditionen während des Zweiten Weltkrieges in das "Zentrum des Taifuns". Er wurde 1943 Kriegstagebuchschreiber im Wehrmachtführungsstab. 1945 rettete der Major der Reserve befehlswidrig die Tagebuchblätter über den Zusammenbruch hinweg; fünfzehn Jahre danach hat er dieses wichtigste Dokument der deutschen Kriegsgeschichte ediert. Tausende hörten in Göttingen seine Vorlesungen zur Zeitgeschichte. Die Forschung ist inzwischen über ihn hinweggegangen, aber das Verdienst des Neuansatzes bleibt ihm unbenommen. Er war der erste, der es wagte, die Persönlichkeit Adolf Hitlers des Dämonischen zu entkleiden.

Etwas Chevalreskes ist dem Husaren-Rittmeister des Ersten Weltkrieges auch als Professor zu eigen geblieben. Werner Bergengruen, wie er Mitglied der Pour-le-mérite-Friedensklasse, hätte ihn trefflich porträtieren können: in seiner Beherztheit und seinem spröden Charme, in seiner Neigung zu Schnurren und seiner selbstauferlegten Pflicht, in traditionsloser Zeit Tradition vorzuleben. Die Gelehrtenwelt ist um eine glanzvolle Persönlichkeit, die Freie und Hansestadt Hamburg um einen großen Sohn ärmer geworden; der Pour le mérite braucht einen neuen Kanzler. K. H. J.