Der Arbeiter der Kohlengruben ist ein Mensch von der Tiefe eines Abgrunds, schrieb Vincent van Gogh 1879 aus der Borinage, wo er sich missionarisch als Laienprediger betätigte, an seinen Bruder Theo. "Ich empfinde große Sympathie für die Bergarbeiter, und ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich eines Tages diese noch unbekannten oder fast unbekannten Typen so zeichnen könnte, daß sie bekannt würden." Van Gogh hat es bei einigen Zeichnungen belassen, er wurde aus dem Revier abberufen; bevor er sein soziales Engagement realisieren konnte.

Ein anderer hat diese Typen bekannt gemacht, Constantin Meunier, der 1880 in die Borinage kam. Der Zufall habe ihn zur Schwarzen Erde gebracht, erklärte er später seinem deutschen Biographen Georg Treu, eine fragwürdige Behauptung, die durch biographische Fakten widerlegt wird. Die Reise ins Revier, in die Welt der Arbeit und der Arbeiter, war geplant und vorbereitet, und sie hatte künstlerische Konsequenzen. "Ich fühlte, wie sich mir ein Lebenswerk erschloß, etwas, das ich schaffen sollte."

Dieses Lebenswerk war in den neunziger Jahren und um die Jahrhundertwende unglaublich berühmt und umstritten. Sein Denkmal "La glorification du travail" durfte in Brüssel nicht aufgestellt werden, man fürchtete, es könnte die sozialistischen Tendenzen der Arbeiterschaft begünstigen und politische Demonstrationen provozieren. Es wurde als Ausdruck sozialer Spannungen gedeutet, als Parteinahme für die Unterprivilegierten, "die sich von der Geburt bis zum Tode schinden, um Schwarzbrot zu essen und für ihre Herren jeden erdenklichen Luxus herbeizuschaffen".

Der Streit um Meunier ist vergessen, sein Werk ist vergessen. In der Propyläen-Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts wird der Name Meunier nicht erwähnt. In Brüssel gibt es ein Meunier-Museum, das niemand kennt. Kein Kunstmuseum kam auf die Idee, Meunier aus der Versenkung zu holen, sondern das Bergbau-Museum in Bochum. Das Bergbau-Museum sieht den Künstler primär unterm fachlich-bergmännischen Aspekt. Meunier ist der Bildhauer und Maler, der den Bergbau und den Bergmann thematisiert hat. Die. sozialkritische oder gar Sozialrevolutionäre Komponente spielt keine Rolle. Das Werk erscheint politisch entschärft, neutralisiert, als ob Meunier sein "Triptychon vom Bergwerk" für den Sitzungssaal eines Aufsichtsrats gemalt hätte.

Im Geleitwort des belgischen Botschafters heißt es: "In Belgien läuft das Heldengedicht auf die Kohle gleichsam, zusammen mit dem Aufschwung der Schwerindustrie... Der in dem Werk von Meunier verherrlichte Bergmann war seitdem mehr als ein Schwerarbeiter mit stillem Mut und gefährlichem Geschick. Er ist der hauptsächliche Begründer unseres Wohlstands geworden..." Man muß das zweimal lesen, um diese Groteske zu begreifen, wie Meunier, der einmal als politische Gefahr gebrandmarkt wurde, heute von der Schwerindustrie vereinnahmt wird.

Meunier seinerseits, das wird man zugeben müssen, hat solcher Verkennung seiner sozialen und politischen Intentionen allerdings Vorschub geleistet. Er hat, und darin unterscheidet er sich von der Kollwitz und von der gesamten sozial engagierten Kunst der Jahrhundertwende, nicht das Elend des Arbeiters thematisiert. Er hat den Arbeiter heroisiert und idealisiert. Meuniers Bergmann ist ein Held der Arbeit unter Tage. Seine Arbeiter zeigen sich stolz, selbstbewußt, sie sind durchaus keine beklagenswerten Opfer eines ausbeuterischen Systems. Das "Bergmädchen mit Schaufel" sieht schick und attraktiv aus.

Seinem Werk fehlen die beiden Faktoren, in denen sich soziales Engagement normalerweise artikuliert: Mitleid und Anklage. So kommt dieser seltsam irritierende Doppeleffekt zustande, daß beide Parteien das Werk für sich in Anspruch nehmen können: Die Arbeitgeber interpretieren es als Hymnus auf den Bergbau und das Ethos der Arbeit. Auf der andern Seite kann sich der sozialistische Realismus auf Meunier berufen. Daraus resultiert die außerordentliche Aktualität, die Meuniers Werk heute besitzt. Es dokumentiert die Möglichkeiten und die Problematik eines sozialistischen Realismus, die Diskrepanz zwischen revolutionärem Elan und einer künstlerisch antiquierten, akademischen, epigonalen Artikulation. Meunier will die soziale Wirklichkeit erfassen, und was er zustande bringt, sind Arbeiterbilder von klassischer Idealität. Realistisch ist er bestenfalls im Detail, wenn er aufgekrempelte Hosen oder einen muskulösen Arm oder eine Grubenlampe in Plastik umsetzt. Aber diese Spuren der Realität der Arbeit werden geglättet und zum idealisierten Denkmal des Arbeiters umstilisiert, der sich in der Pose eines griechischen Standbilds präsentiert.

Mit diesem Pseudorealismus wird auch die gesellschaftliche Aussage unglaubwürdig, auf die es dem Bildhauer offenbar ankommt. Dem Maler und Zeichner fällt es leichter, sich zu artikulieren. In den Bildern und Zeichnungen erfährt man mehr über Meuniers Intentionen als in der akademisch vorprogrammierten Plastik. Unter den Zeichnungen findet man Blätter, die so stark und so realistisch sind, daß van Gogh sie gemacht haben könnte, wenn er länger in der Borinage geblieben wäre. Gottfried Sello