Ein Kampf um Prag

Detlef Brandes: "Die Tschechen unter deutschem Protektorat. Teil I: Besatzungspolitik, Kollaboration und Widerstand im Protektorat Böhmen und Mähren bis Heydrichs Tod (1939 bis 1942)"; hrsg. vom Vorstand des Collegium Carolinum, Forschungsstelle für die böhmischen Länder; R. Oldenbourg Verlag, München 1969, 372 S., 45,– DM

Die Geschichte des Reichsprotektorates Böhmen und Mähren zu schreiben ist noch heute, im Abstand von 25 Jahren, ein gewagtes Unternehmen: Zu einseitig und punktuell ist die Auswahl des bereits Dargestellten, zu vieles liegt noch, von mannigfachen Tabus zurückgehalten, im Dunkel der persönlichen Erinnerungen oder der Archive und harrt selbst dort, wo sie sich zögernd öffnen, der scharfsinnigen Kombination des Zeithistorikers. Es war deshalb ein kühnes Unterfangen, als sich Mitte der sechziger Jahre ein Münchner. Doktorand an diese Aufgabe machte. Das Ergebnis, der vorliegende erste Band, übertrifft in seiner relativen Perfektion alle Erwartungen.

Relativ: denn in der Zeitgeschichte wird es stets "weiße Flecken" geben, Bezirke des vergangenen Geschehens, die erst lange Zeit nach dem Versuch einer Erhellung ihr Geheimnis preisgeben. Ein Beispiel: Auch Detlef Brandes konnte, obwohl er alle erreichbaren Quellen benutzte, weder über den Anlaß zur Ernennung Heydrichs zum stellvertretenden Reichsprotoktor noch über die politischen Gründe seiner Ermordung mehr als nur Vermutungen beibringen, und das, obwohl die "Heydrichiade" eine der spektakulärsten und am häufigsten geschilderten Episoden der Protektoratsära war.

Die drei Abschnitte, in die Brandes die Zeit zwischen Gründung des Protektorats und den unmittelbaren Folgen des Attentats auf Heydrich aufteilt, sind nicht nur mechanisch gegliedert. Die erste Periode ist die kürzeste; sie dauerte vom März 1939 bis zu den Studentenunruhen im November desselben Jahres, die zur Schließung der Prager tschechischen Universität führten. In diese Zeit fielen der deutsch-sowjetische Pakt und der Krieg mit Polen. Die Politik der deutschen Protektoratsführung mußte sich ebenso umorientieren wie die tschechischen politischen Kräfte im Lande und in der Emigration. Zwischen November 1939 und der Amtseinführung Heydrichs erstreckt sich die zweite Periode, und die Ära Heydrich von September 1941 bis Juni 1942, eine Zeit hektisch verschärfter, gezielt dosierter Gewaltherrschaft, schließt den Bogen.

Eine andere, systematische Einteilung gliedert den Inhalt innerhalb der zeitlichen Gruppen. Sie wird durch den Untertitel des Buches angezeigt: Besatzungspolitik, Kollaboration und Widerstand. Diese Konzentration ist dem Autor besonders geglückt. Der Tenor der bisherigen Publikationen über das Protektorat war nämlich meist tendenziös: Entweder werden die Naziverbrechen angeklagt und der Widerstand der tschechischen Bevölkerung herausgestrichen, oder man versucht, das deutsche Regime zu rehabilitieren. Die tschechische "Kollaboration" mit den Deutschen fällt dabei meist unter das Verdikt des Verrats.

Undogmatische Historiker der ČSSR haben allerdings in den letzten Jahren gelegentlich darauf hingewiesen, wie komplex die Kollaboration der tschechischen Protektoratsregierung beurteilt werden müsse. Anders als in Holland, Frankreich oder Norwegen haben bei den Tschechen die Kollaborationsregierung in Prag und die Exilregierung in London – einschließlich der Präsidenten Hácha und Beneš – geheim zusammengearbeitet; Würdenträger der Protektoratsregierung waren gleichzeitig im Widerstand führend tätig; auch in der offiziellen legalen Einheitspartei "Nationale Gemeinschaft" (národní souručenství) gab es viele Verbindungen zu Widerstandskreisen. Diese Zusammenhänge, deren selbst vorsichtige Andeutung tschechischen Historikern manche Anfechtung im eigenen Lande eingebracht hat, sind hier, eingehend geschildert und interpretiert.

Darüber hinaus erfährt man eine Unzahl von Fakten. Zum Beispiel: Neues über die verschiedenen halb legalen, halb konspirativen Widerstandsgruppen, über die tatsächliche Ernährung lage im Protektorat im Vergleich zur Situation im Reich (hierüber hat es im nachhinein viele Unklarheiten gegeben) oder über die diversen deutschen Pläne zur Behandlung der Tschechen nach dem "Endsieg".

Ein Kampf um Prag

Dies alles und vieles andere mehr beschreibt, benennt, zitiert Brandes mit einer fast entsagungsvollen Nüchternheit. Selbst Kriminalroman-Szenen wie das Attentat auf Heydrich spielt er stilistisch auf die faktographische Ebene herunter. Aber ist nicht diese asketische Trockenheit, die Wertungen kaum merklich unterbringt, geradezu ein Kunstgriff? Wer jedenfalls Geduld hat, die 270 Seiten zu lesen (weitere 100 Seiten füllen Apparat und Register), wird von den nackten, kompakt gestapelten Materialien, die freilich durch fachmännische Kombination sauber verbunden sind, wahrscheinlich mehr ergriffen, sicher aber solider und umfassender informiert als von jeder der bisherigen anklagend- oder apologetisch-engagierten Darstellungen.

Im Vorwort singt Brandes ein Lied von den Schwierigkeiten seiner Materialsuche. Zwar ist die Liste der von ihm benutzten Archive für Kenner neiderregend groß; vieles bekam er aber trotz jahrelanger Mühe in der ČSSR nicht zu sehen, von den ihm völlig verschlossenen Archiven der DDR ganz zu schweigen. Das positive Ergebnis dieses Buches ist dazu angetan, ängstliche Archivverwaltungen in diesen und anderen sozialistischen Ländern zu größerer Offenheit zu ermuntern. Dies dürfte in der nahen Zukunft übrigens auch für von dort kommende Historiker nützlich werden: Anzeichen weisen darauf hin, daß Archivbehörden in der Bundesrepublik von der jahrelang geübten Praxis abgehen wollen, ohne Rücksicht auf die meist spärlichen Gegenleistungen osteuropäischer Archive großzügige Benutzungserlaubnisse zu erteilen; statt dessen wollen sie stärker das Gegenseitigkeitsprinzip anwenden. – Es wäre zu wünschen, daß auch die Arbeit am abschließenden zweiten Band der vorliegenden Studie gefördert werden könnte.

Hans Lemberg