Von Manfred Sack

Auf die glitzernde Bühne hingen große glitzernde Kugeln herab, die Ansagerin trug einen glänzenden Hosenanzug, sie nannte die Sängerinnen und Sänger beim Vornamen und sagte "du" und "ihr beide" und "euch zwei" mit dieser brancheneigentümlichen schicken Vertraulichkeit. Auch ohne zu wissen, worum es geht, hätte man sofort gewußt, worum es geht: um Schlager, um einen Schlagerwettbewerb, um irgendeinen, denn die Umstände waren so.

Und wenn es nur Sätze gegeben hätte wie den: "Wenn sie vorbeigeht, gibt es ein Raunen, denn alle Jungen stehen und staunen", und nicht solche wie den: "Wie hieß denn nur der Fluß, es war im Kaukasus" oder das Refrainbekenntnis: "Der Tag war sinnvoll für mich" – dann wäre man gar nicht darauf gekommen, daß dieses Schlagerfest sich unter uns fremden gesellschaftlichen Voraussetzungen abspielte. Es handelte sich um die Schlußveranstaltung des fünften Schlagerwettbewerbs der Deutschen. Demokratischen Republik, aus der Stadthalle in Magdeburg übertragen vom Deutschen Fernsehfunk am Mittwoch der vorigen Woche.

Vieles glich sich auf eine fast aufdringliche Weise: Das alles war gleich konsumfördernd, von Juroren auf gleiche Weise in ein scheinseriöses, ziemlich dünnes Mäntelchen geschlagen. Das Publikum war so bürgerlich. und hölzern, so sonntagsanzugsteif wie in den diesbezüglichen Arenen westdeutscher Sternchengläubigkeit. Der gleiche Ablauf, auch das gleiche Verfahren: Experten meldeten sich drahtlos aus Berlin, Rostock, Leipzig, Weimar und Dresden. Die Journalistenjury punktete, überwacht von einem Justitiar, im Saal: Redakteure von Tageszeitungen (Neues Deutschland, Junge Welt, Magdeburger Volksstimme), von Wochenblättern (Programmzeitschrift FF, Neues Leben, Die Volksarmee), von einer Fachzeitschrift (Melodie und Rhythmus).

Die Interpreten beiderlei Geschlechts entsprachen dem allgemeinen, sehr gesamtdeutschen Typus: modische Kleidung, der Allgemeinheit damit voraus; rhythmisches Gebaren, mit dem westlichen Pendant verglichen, leicht gebremst. Und das Publikum, zu beschränkter Aktivität aufgerufen kürte einen Publikumsliebling, das Sängerpaar Dagmar Frederic und Siegfried Uhlenbrock, das mit seinem Lied auch die Schlagersiegerpalme bekam.

Was ändert den Eindruck da schon, daß der Veranstalter ein "Initiativkomitee" war und die Schlager nicht einfach von Verlagen oder Schallplattenfirmen eingereicht worden waren, sondern von deren "Entwicklungsgruppen", so, als wolle man einer windigen Sache einen Hauch von jener Integrität geben, wie sie technisch-wissenschaftliche Entwicklungsgruppen genießen. Es ändert nichts.

Denn auch die elementaren Botschaften, die da teils hübsch und gekonnt, teils anbiedernd und mühsam gesungen wurden, galten ausschließlich der einen und einzigen Schlageralltagsaffäre: der Liebe und den Schwierigkeiten, die die Menschen stetig mit ihr haben. Weit weg ist die Zeit der Traktorenlenker und der Planerfüllung, deretwegen man sich nicht finden kann, und die Pflichterfüllung in der Nationalen Volksarmee, die den Liebsten weg von der Brust an die Feindesgrenze ruft, vergessen auch sind die moralinsauren Appelle an das Anständige im Menschen: Liebe ist kein Spektakel von öffentlichem, die Gesellschaft als Ganzes berührendem Interesse mehr, sondern eine reine Privatangelegenheit. Sozusagen ein Beitrag zur Normalisierung der Verhältnisse.