München, im November

Was die CSU an dem Geldner-Coup am allermeisten ärgert, ist die Tatsache, daß nun eine andere Partei im weiß-blauen Freistaat spektakulär demonstrierte, daß auch sie ihr politisches Schlitzohr hat. Denn schlitzohrig zu sein gilt in Bayern gemeinhin als bewundernswerte Begabung, als Befähigungsnachweis, über den vermeintlich bisher nur Strauß, Höcherl, Unertl und Co. verfügten. Und da kommt ein fränkischer Bäckermeister und pfuscht den etablierten Schlitzohren ins Konzept. Kein Wunder, daß die Empörung groß ist.

Wie sich allerdings der Scheinübertritt des FDP-Abgeordneten Karl Geldner auf den Stimmzetteln am kommenden Sonntag auswirken wird, vermag kaum jemand zu sagen. Wenngleich das Abschneiden der bayerischen FDP keinen mit der Hessenwahl vergleichbaren Signalwert für die Bonner Koalition hat, wird das Wahlergebnis doch mit größter Spannung erwartet. Es geht darum, ob die FDP wieder in das Münchner Maximilianeum zurückkehrt, aus dem sie vor vier Jahren von der NPD verdrängt worden war.

Eine Spezialität des bayerischen Wahlgesetzes ist es, daß sich eine Partei nur dann für den Landtag qualifiziert, wenn sie in einem der sieben Regierungsbezirke 10 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen kann. In ihrer einstigen Hochburg Mittelfranken erreichte die FDP bei den letzten Landtagswahlen 9 Prozent (im ganzen Land 5,1 Prozent), die NPD 12,2 Prozent. Bei den Bundestagswahlen 1969 schrumpfte der FDP-Bestand allerdings auf 5,6 Prozent zusammen.

Das Rennen für die FDP ist offen. Mit wahltaktischen Stimmen von der SPD, wie in Hessen, kann sie nicht unbedingt rechnen. Sympathisanten sind überzeugt, daß sie dennoch die Hürde schafft; Gegner der Bonner Regierung haben sie indes bereits abgeschrieben. Ebenso auch die NPD – denn Franz Josef Strauß hat verkündet, daß die CSU nicht nur christlich und sozial, sondern auch national und liberal sei.

Strauß zieht alle Register der Demagogie. Nach dreizehnjähriger ununterbrochener CSU-Regierung prangert er bayerische Mißstände so schonungslos an, daß kein Zweifel mehr darüber aufkommen kann, daß nur die SPD daran schuld ist. Und diese wolle jetzt, so droht die CSU, auch noch Enteignung, Funktionärsherrschaft und Zwangswirtschaft. Strauß tut andererseits so, als werde er am 23. November die Bonner Regierung aus den Angeln heben: "In Bayern muß es so weitergehen wie bisher, und in Bonn müssen sich die Verhältnisse ändern, damit die bayerische Staatskanzlei nicht von einem Hort autonomer bayerischer Politik zu einer sozialistischen Filiale der Bonner Regierung mit einem Statthalter Willy Brandts umfunktioniert wird."

Der bayerischen SPD, deren einfältige Münchner Jusos das Zugpferd Oberbürgermeister Vogel durch parteiinterne Querelen an München gebunden haben, ist nicht allzu wohl zumute Sie übt sich mit Hilfe Bonner Prominenz in vergleichsweise sachlicher Argumentation: "Tür auf für den Fortschritt." Sie weiß aber, daß "ein merkwürdiges, schon nicht mehr konservativ, eher fatalistisch zu nennendes Beharrungsvermögen" (Günter Grass) im CSU-Staat herrscht. Bei der letzten Landtagswahl hatte die CSU 48,1 Prozent, die SPD 35,8 Prozent, bei der Bundestagswahl 1969 die CSU 54,4 und die SPD 34,6 Prozent.

Umfrageergebnisse haben bisher alle Parteien aus taktischen Gründen unter Verschluß gehalten. Die CSU wird mit etlichen Rechtsaußenstimmen jedoch triumphieren. Der bayerische Landtagswahlkampf 1970 ist wohl der heftigste und aufwendigste der vergangenen zwanzig Jahre. Aber das CSU-Plakat mit drei munteren Mädchen – Bayern hat rund 950 000 Jung- und Erstwähler – wird wohl nichts am bayerischen Kurs ändern. Die Mädchen radeln auf einem altertümlichen Vehikel einen steinigen Weg bergab. K. G.