Ein kapitales Exemplar von Karrierejurist aus dem Dritten Reich stellt sich der öffentlichkeit mit dem Versuch einer Autobiographie:

Hans Segelken: „Amor Fati, Aufzeichnungen aus einer gescheiterten Juristengeneration“; Verlag Johann Talkner, Hamburg 1970; 390 Seiten, 22,50 DM.

Der Autor ist Jahrgang 1897; nach kurzer Anwaltszeit wurde er Richter. Er war 1933 Landgerichtsrat, ist im März desselben Jahres in die NSDAP eingetreten und wurde alsdann rasch nacheinander Oberlandesgerichtsrat, Präsident des Oberseeamts, Amtsgerichtspräsident, Ministerialdirektor im Reichsjustizministerium und schließlich bis 1945 Reichsgerichtsrat.

Der Raum vor, zwischen und hinter diesen Daten ist mit Berichten aus dem Privat- und Berufsleben, mit der Schilderung von Seereisen, mit Justiz- und Schiffahrtsanekdoten und Lesefrüchten gefüllt, vermischt mit Schuldbekenntnissen wegen seines Parteieintritts und seines Mitmachens. Man lernt einen lebhaften Geist und welterfahrenen Mann kennen; die Lektüre macht aber einigen sachlichen und sprachlichen Verdruß.

Der Verfasser, der seine politische Meinung als von Anfang an und immer dem Nazismus direkt entgegengesetzt darstellt und der sich gar an einigen Stellen als Sozialist und zum Pazifismus hinneigend bekennt, versucht seinen Sündenfall und seine Anpassung aus der Situation des begabten, ehrgeizigen, emporstreberischen Prädikatsjuristen verständlich zu machen; nicht zu entschuldigen, beileibe nicht: Er variiert die Selbstvorwürfe vielfältig und wortreich, wenn auch reichlich abstrakt.

Er wolle nicht den oft gehörten billigen Vorwand des „Mitmachens, um Schlimmeres zu verhüten“ für sich in Anspruch nehmen. „Mir ist inzwischen deutlich und zur Gewißheit geworden, daß ich selbst ebenso wie die meisten Juristen der Nazizeit insofern versagt haben (sie) und an ihrer Rechtswahrerfunktion gescheitert sind, als wir überhaupt dem Unrechtsstaat durch stilles Weitermachen, gedient haben, sei es auch nur mit der geballten Faust in der Tasche.“

Für die Geschichte der Justiz des Dritten Reiches hat das Buch mäßigen Wert, weil die Angaben über die Stationen der Laufbahn, über seine Erlebnisse, Berührungen und Tätigkeiten in der Justiz fast durchweg Namen vermeiden und Identifizierung unmöglich machen; auch Ortsnamen werden selten genannt. In der englischen Literatur, in der die Kultur der Autobiographie hoch steht, herrscht die andere Übung.

Gelegentlich drängen sich Zweifel auf, ob die So gern und oft wiederholten fortschrittlichen Auffassungen (Sozialismus, Pazifismus, Determinismus, Absage an das Schuld-und-Sühne-Prinzip) immer so ganz echt und eigen waren oder sind.

Das peinlichste Beispiel ist in dem Bericht enthalten, den Segelken über die Entlassung seines von ihm verehrten Senatspräsidenten gibt, der als „Volljude“ nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze sein Amt verlor. Diesen Mann hatte man im Jahre 1933 als Hauptmann der Reserve und EK-I-Träger im Amt gelassen. „Trotzdem war er bedrückt durch das politische Geschehen und eine von ihm befürchtete weitere Kursverschärfung. Seine menschliche Größe wurde auch daran erkennbar, daß er bei Unterhaltungen hierüber in gewohnter Objektivität offen Kritik an seinen eigenen Glaubensgenossen übte. Er meinte zum Beispiel, sie hätten sich im ganzen mehr zurückhalten sollen und nicht so betont in den Vordergrund treten dürfen. Insbesondere nicht im öffentlichen Leben und in den akademischen Berufen, speziell der Mediziner und Juristen.“ Von „menschlicher Größe“ zu reden, wenn sich ein Jude eines der dümmsten und geschichtswidrigsten Argumente der Antisemiten zu eigen macht – das scheint mir zu verraten, daß der Erzähler selber mitsamt seiner formalen Juristenintelligenz nicht unter die oberste und vulgärste Oberfläche des Problems gedrungen ist.

Es ist mir auch nicht klar, was ein Sozialist meint, wenn er von einer „Krankenschwester aus guter Familie“ berichtet. Was heißt hier wohl „gut“? Ich fürchte, der Gegensatz ist „einfach“.

Der Stil des Buches ist eine Mischung von Juristenjargon und launiger Forschheit. Der Jargon ist gekennzeichnet durch den in jener Branche häufig anzutreffenden Tick der Vollständigkeit und den Drang zu Füllwörtern und Umständlichkeiten, die das Interesse an dem erzählenden und anekdotischen Teil beeinträchtigen.

Vor allem liebt Segelken überflüssige Adjektive: Außer der geballten Faust, die wir schon kennen, schätzt er das gegenseitige freundschaftliche Verhältnis und den nächtlichen Sternenhimmel, auch den dominierenden Leitgedanken. Daß das Adjektiv der Feind des Substantivs ist (wie der von ihm gern zitierte Voltaire sagt), hat er noch nicht erkannt; er liebt jene Verstärkungen, die in Wirklichkeit Aussagen abschwächen: grelles Scheinwerferlicht, unbändiges Drängen, öde Paragraphenschusterei, äußeres keep smiling.

Was er an Adjektiven verschwendet, spart er am grammatikalischen Subjekt ein, so nach Art des akademischen „Komme nach!“. Von einer Dampferfahrt heißt es: „Kein Kunststück, sich auf Anhieb wohl zu fühlen!“ Ein Ehemann läßt seine Frau überwachen: „Kein feiner Zug, aber wohl nicht ohne Grund!“

Sich selber sieht er so: „Überhaupt ist mir ein, erheblicher Schuß von Selbstironie und zugehörigern Humor notwendige Lebensluft.“ Dort, wo er die Gefahren des Richterberufs schildert, wird der Drang zum Klischee besonders mächtig: „Auch behagte es mir nicht sonderlich, daß ich hier manchmal kaschiertem Machtstreben konservativer Art in statischen Beharrungsformen begegnete. Andeutbar nur durch Erscheinungen wie Formalismus, Präjudizienkult, Amtsdenken, Richterrecht, Lebensfremdheit, überhebliche Pose oder persönliche Empfindsamkeit. Symptome von Herrschaftsstreben, gepaart mit fortschrittshemmender Erstarrung. Gelegentlich auch zu viel Götterähnlichkeit in der Haltung. Zu wenig erdnahes Bewußtsein eigener menschlichen Schwächen.“

Sicherlich gibt es Leser, die sprachlich, um mit Segelken zu sprechen, nicht „empfindsam“ sind oder sich gar in dieser Sprache heimisch fühlen. Ihnen kann man das Buch empfehlen, denn es finden sich auch manche nicht zu Blech gewalzte Goldkörner darin, zum Beispiel gute Beobachtungen und Formulierungen darüber, wie richterliche Entscheidungen zustande kommen, Vernünftiges über das Beratungsgeheimnis, über die äußeren und inneren Konflikte, die ein Rechtsanwalt in seinem Beruf zu bestehen hat. Es ist aber sicher keines jener Bücher, von denen Lichtenberg sagt, man müsse, wenn man zwei Hosen habe, eine davon verkaufen, um das Buch kaufen zu können.