Es war einmal ein Stückeschreiber, der schrieb einige grimmig-witzige, gut gebaute, zutreffende Theaterstücke. Mit der Komik dieser Stücke war er der Wirklichkeit auf der Spur. Das Komische, schrieb er, müsse als das "Gefährliche, Aufdeckende, Fordernde" benutzt werden (1954). Inzwischen hat sich unser Stückeschreiber gespalten – in den Dichter und in den Bürger. Er schreibt: "Als Dramatiker stelle ich die Welt fragwürdig dar, als politisches Wesen bin ich ein Teil dieser fragwürdigen Welt und somit selber fragwürdig" (1970).

Und weil ihm, dem Dichter, die Welt fragwürdig ist, hat er sie porträtiert. Freilich nicht direkt, sondern poetisch verkleidet. Am Anfang seiner Visionen steht eine planetare Katastrophe: die Sonne ist "hops gegangen", aus ihrer Materie entsteht ein Planet. Die Einwohner dieses Planeten heißen Adam und Eva, Kain und Abel, Ada und Zilla, Henoch und Naema. In fünfundzwanzig Szenen zeigen sie uns das Leben auf ihrem Planeten (dessen Sonne am Ende auch wieder hops geht).

Eine Szene geht so: Ein weißes Mädchen und ein schwarzer Mann haben zusammen geschlafen, sie lieben sich. Der Mann hat seiner Schwester, das Mädchen ihrem Bruder von dieser Liebe erzählt. Als sie sich wieder treffen, um sich zu lieben, kommen die schwarze Schwester und der weiße Bruder; sie schreien: "Verdammte Nutte!" beziehungsweise "Verdammter Verräter" und erschießen gemeinsam die Liebenden. So fragwürdig ist der Planet.

Eine andere Szene geht so: Ein Mann hat sein Leben lang in der Gewerkschaft gearbeitet, für eine bessere, freiere, gerechtere Welt, Er ist an die Macht gekommen, hat die Veränderungen. von denen er träumte (höhere Löhne, weniger Arbeitszeit, mehr Freizeit), durchsetzen könnten Und siehe: Er hatte den Planeten verändert, aber die Menschen waren nicht glücklicher geworden. So fragwürdig ist dieser Planet.

Eine dritte Szene: Eine Frau (mit Strohhut) und ein Mann (in zerschlissener Tarnjacke) sitzen am Boden. Eine Bambusflöte flötet. Der Sohn des Mannes und der Frau ist erschossen worden, im Krieg. Die Frau fragt: "Haben wir gesiegt?" Der Mann: "Nein." Die Frau: "Sind wir besiegt worden?" Der Mann: "Nein." Die Frau: "Werden wir besiegt werden?" Der Mann: "Nein." Die Frau: "Werden wir siegen?" Der Mann: "Nein." Die Frau: "Dann ist der Krieg sinnlos." Der Mann: schweigt. (Bevor der Sohn erschossen wurde, hatte der Mann die Frau für den Satz vom sinnlosen Krieg noch geschlagen.) Die Frau: "Jetzt hast du mich nicht geschlagen." Ein fragwürdiger Planet.

Noch eine Szene: Ein Vater besucht seine Tochter. Er findet sie bei drei langmähnigen Burschen, in einer Kommune. Der Vater ist Pfarrer. Einer der Langhaarigen fragt: "Katholischer oder evangelischer?" Der Vater will seine Tochter holen. Sie will nicht mitkommen, außerdem hat sie ein Kind. Von wem, schreit der Vater. Schüchtern heben alle drei Kommunarden das Fingerchen Sie schläft mit allen dreien, keiner weiß, von wem das Kind ist. Der Vater ist empört. Einer der Jungs: "Geh nach Hause, Tattergreis." Der Vater: "Ich bin kein Tattergreis, ich bin gerade über vierzig." Einer der Jungs: "Jeder über vierzig ist ein Tattergreis." Fragwürdig, fragwürdig.

Fünfundzwanzig solcher Szenen hat das Stück. Erwin Axer hat die Uraufführung (mit Wolfgang Arps, Karl-Heinz Martell, Wolfgang Reinbacher, Edgar Walther, Renate Becker, Eva Böttcher, Christiane Hammacher, Marianne Hoika) im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses inszeniert – mit den szenischen und mimischen Mitteln eines "armen Theaters", die so präzis und unprätentiös, so einfach und so gekonnt eingesetzt wurden, daß das Zusehen und Zuhören fast erträglich wurde.