Wann endlich kommt die Risiko-Versicherung für menschliche Versuchskaninchen?

Von Theo Löbsack

Ist ärztliches Handeln manchmal mehr vom Ehrgeiz als vom hippokratischen Eide diktiert? Eine Untersuchung des Senders solchen mit dem Titel "Halbgott in Weiß" schien solchen Verdacht vor einigen, Wochen nahezulegen. Der Intendant des Senders erntete freilich empörten Protest der deutschen Ärzteschaft: "Die Bundesärztekammer", so ließ Hauptgeschäftsführer Professor Stockhausen verlauten, "hat unverzüglich eine Überprüfung der in der Sendung aufgestellten Anschuldigungen eingeleitet, soweit darin strafrechtliche Verfehlungen oder Verstöße gegen ärztliche Pflichten behauptet worden sind. Die Ärztekammern werden den Behauptungen, Chefärzte führten Operationen um materieller Vorteile willen durch und unternähmen Experimente am Menschen, nachgehen."

Dennoch blieb das böse Wort von den "Experimenten am Menschen", die in aller Welt, mehr oder weniger diskret, legal oder illegal, ausgeführt werden! So erschien vor einigen Jahren in London das aufsehenerregende Buch des britischen Arztes Maurice H. Pappworth mit dem Titel "Human Guinea Pigs" – Menschliche Versuchskaninchen – im Verlag Routledge and Kegan Paul. Darin fragt der Verfasser unumwunden, was eigentlich geschehe, wenn ein Arzt kein Gewissen habe oder Sadist sei. An Beispielen mangelte es Pappworth nicht. In zwanzigjähriger Arbeit hatte er mehr als 2000 Fälle aus der medizinischen Fachliteratur für eine 228 Seiten starke Dokumentation zutage gefördert.

Zweifelhafte Versuche

Das recherchierte Material bewog Pappworth zu schweren Anklagen gegen seine Standeskollegen. Er warf ihnen unbegründete Experimente an Kranken und Gesunden vor. In zahlreichen Fällen, fand Pappworth, hätten Ärzte zweifelhafte Versuche an Sterbenden, Schwachsinnigen, Schwangeren, Greisen und Frischoperierten unternommen. Gegen das ärztliche Gebot des primum nil nocere (Vor allem nicht schaden) sollen in einer Londoner Klinik beispielsweise acht Magenkranke nur deshalb einem risikoreichen Diagnoseverfahren unterworfen worden sein, damit ein Arzt diese Technik besser beherrschen lerne. Es handelte sich um eine sogenannte Lumbal-Aortographie, eine Kontrastmittel-Füllung der Arterien zu röntgenologischen Zwecken. Das Experiment, das in drei Fällen tödlich verlaufen sei, hätte mit dem Krankheitsbild der Behandelten nichts zu tun gehabt.

In einem anderen Fall soll am Londoner Hammersmith-Hospital schwer leidenden zuckerkranken Patienten das für sie lebensnotwendige Insulin-Hormon versuchsweise vorenthalten worden sein. Das führte bei einigen zum diabetischen Koma, einem Zustand tiefer Bewußtlosigkeit. Auch Geisteskranke habe man laut Pappworth zu Versuchen "mißbraucht". So heiße es in einem Bericht des "Journal of Pathology" aus dem Jahre 1953, daß 21 geistig zurückgebliebenen Kranken das Abbauprodukt Tuberkulin der Tuberkelbazillen ins Rückenmark injiziert worden sei, was Fieberanfälle, Brechreiz und bei einigen Nackensteife hervorgerufen habe.