Mit einem "heißen Winter" haben die britischen Gewerkschaften der Regierung Heath gedroht, falls diese ihr Gesetz zur Streikbekämpfung durchs Parlament schleusen wolle – unter anderem auch mit einem Mini-Generalstreik. Doch Heath und sein Arbeitsminister Carr ließen sich nicht einschüchtern. Dennoch sieht es seit einigen Tagen eher danach aus, als habe das Insel-Klima umgeschlagen, als werde aus dem "heißen" ein "kalter" Winter.

Mehr als 100 000 Kumpel in den Bergwerken haben Schlegel und Schaufel weggelegt. Folge: Die Stahlwerke drosseln ihre Produktion, die Kraftwerke befürchten einen Kohlenmangel für die härtesten Wintermonate, und jedermann deckt sich mit Brennstoff ein, solange er noch kann. Die Regierung soll die Aufhebung des Kohleimportverbots planen, und die Docker sollen für diesen Fall eine "solidarische" Gegenaktion, erwägen, nämlich einlaufende. Schiffsladungen nicht zu löschen. Die noch immer in den Londoner Straßen verrottenden Abfälle müßten nicht zum Himmel stinken – man merkt auch so, daß vieles faul ist im Staate Großbritannien.

1970 ist Großbritanniens schlimmstes Streikjahr seit dem Generalstreik 1926. Allein: in den ersten neun Monaten legten streikwütige Gewerkschafter 3196mal die Arbeit nieder; siebeneinhalb Millionen Arbeitstage gingen verloren – 82 Prozent mehr als im Nachkriegsrekordjahr 1969. Die Kübelmänner und die Kumpel tun ihr bestes, diese Zahl auf runde zehn Millionen zu erhöhen.

Dabei finden die Arbeiter in den Kohlengruben noch viele Sympathien. Zwar haben sie in einer der allzu seltenen Abstimmungen einen offiziellen Streik für eine 33prozentige Aufbesserung knapp abgelehnt und rund 120 Mark mehr pro Monat generell akzeptiert. Nur 100 000 Kumpel – rund ein Drittel – halten jedoch nichts von der Parole und streiken "wild" (von Kommunisten und Schlägern aus den Zechen geholt, so klagt der sozialistische Kohlen-Boß Lord Robens).

Dennoch wissen es die Briten zu schätzen, daß gerade die Bergarbeitergewerkschaft in der vergangenen Zeit mehr Verständnis für Reformen gezeigt hat als alle andern Gewerkschaften, die verbissen um jeden Arbeitsplatz kämpfen. Die Zahl der Kumpel wurde von 700 000 im Jahre 1957 auf heute knapp 300 000 verringert, statt 822 werden nur noch 299 Zechen betrieben, und die Produktivität stieg um beinahe 50 Prozent. Doch vom ersten Rang in der Lohntabelle fielen die Bergarbeiter zurück in die 16. Position – nicht zuletzt deshalb, weil sie im Gegensatz zu ihren Kollegen kaum mehr streikten.

Nun wollen sie verlorenes Terrain aufholen. Den Kohlenmangel benützen sie als Druckmittel, und die Tatsache, daß die Kohlenbehörde trotz einer 16prozentigen Preiserhöhung mit 35 Millionen Pfund tief in den roten Zahlen steckt, muß sie nicht bekümmern. Denn Vater Staat hat ja die "lahmen Enten" (so Industrieminister John Davies) schon immer durchgefüttert.

Aber die Kumpel kommen zu spät. Nachdem die Briten, ein volles Jahr lang mit einer Inflationsrate von sieben Prozent gelebt haben, merkten sie plötzlich, daß es in diesem Tempo eigentlich nicht weitergehen kann. "Sonst brauchen wir in kurzer Zeit keine Lohntüten mehr, sondern wie vor 40 Jahren die Deutschen einen Lohnkoffer", warnte ein prominenter, Ex-Minister am Rundfunk.