Deutscher Schallplattenpreis 1970

Von Joachim Matzner

Anderen Institutionen seiner Art hat der Deutsche Schallplattenpreis etwas voraus, was die Plattenfirmen vielleicht nicht als Gewinn ansehen. Er ist unabhängig nicht nur in dem trivialen Sinn, daß die Industrie ihn nicht direkt beeinflußt, er hält sich auch strikt aus deren Proporzsphäre.

Es läßt sich ein Verfahren denken – und einige ausländische Preise stehen diesem Modell nahe – das jeweils die zwei oder drei besten Aufnahmen der einzelnen Firmen prämiiert. Jede Firma erhielte gleich viel Preise, keine könnte sich desavouiert fühlen. Auf diese Weise würdet allerdings manche Aufnahmen eher durch den Proporz preiswürdig als durch musikalische Gewichtigkeit.

Für den Deutschen Schallplattenpreis beurteilen die Juroren die Platten ohne Rücksicht auf Etikett und Etikette. Es kann deshalb geschehen, daß einige Firmen nur wenige Preise erhalten, andere um so mehr. Auch dieses Jahr waren die Medaillen keineswegs gleichmäßig über den Firmenhimmel verteilt. In den ersten drei und für ein breiteres Publikum besonders repräsentativen Sparten – etwa Symphonische Musik, Instrumentalkonzerte, Musikalische Bühnenwerk: – wurden ausgezeichnet: George Szell für seine Interpretation der späten Dvorak-Symphonien (CBS), Pierre Boulez für die des Strawinskyschen "Sacre" (OBS) und des Pelléas von Debussy (CBS), Emil Gilels und George Szell für ihren Beethoven (Eurodisc), Claudio Arrau für seine holländische Einspielung der Brahms-Konzerte (Philips) und der Berlioz-Spezialist Colin Davis (Philips) dafür, daß er die bis dahin fast unbekannten "Trojaner" sozusagen zur Oper des Jahres gemacht hat.

Gerade auch weil der Deutsche Schallplattenpreis ob seiner Seriosität einigen Raritätenwert besitzt, sollte er der Schallplattenindustrie mindestens ebensoviel wert sein wie ihr "Gala-Abend", mit dem sie ja ursprünglich dem Preis mehr Publizität verschaffen wollte. Die Zeiten aber haben sich geändert.

Der "Gala-Abend Schallplatte 70" – es kamen die Wiener Philharmoniker und Friedrich Gulda mit einem Beethoven-Programm nach Berlin – hat sich verselbständigt, den Schallplattenpreis isoliert: Der Sender Freies Berlin und die Industrievertretung "Arbeitsgemeinschaft Schallplatte" (AGS), die sich schon vor Jahren zum Fernsehlob der Platte zusammengetan hatten, zeigten am . Deutschen Schallplattenpreis nur noch so wenig Interesse, daß es nicht einmal mehr zu einer öffentlichen Preisverleihung kam; die Plaketten würden den ausgezeichneten Musikern und Literaten ins Haus geschickt.