Anfang November zog ein Textilingenieur von Leverkusen nach Izmir in der Türkei. Der Ingenieur ist ein Angestellter der Bayer-Werke, sein Auftraggeber ist das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), und seine Aufgabe ist Entwicklungshilfe: Der Ingenieur wird an der Textilfachschule Izmir – einem deutschen Entwicklungshilfe-Projekt – türkische Ingenieurschüler ausbilden.

Daß die Lücke in Izmir schnell geschlossen wurde, verdanken die Türken einem noch recht jungen Einfall Professor. Sohns, Staatssekretär im BMZ. Der Einfall nennt sich "Experten-Leasing": Die Industrie beurlaubt Fachkräfte für bestimmte Aufgaben in der Entwicklungshilfe; Nach zwei bis drei Jahren kehrt der ausgeliehene Experte in "sein" Unternehmen zurück. Gewinn sollen von diesem Leasing alle Beteiligten haben – die Industrie, der Fachmann und natürlich auch Deutschlands Entwicklungshilfe.

Die Chemie scheint für Sohns Leihprojekt gewonnen. Die Farbwerke Hoechst hatten in Izmir schon vor Bayer geholfen – mit einem dringend benötigten Chemiker. Und die BASF werden den dritten Mann schicken: Einen Textilfachmann, der im nächsten Semester seine Leihtätigkeit aufnehmen wird.

Diese positiven Erfahrungen sowie die Aussicht, bald auch von anderen Firmen Fachleute ausgeliehen zu bekommen, sind für die Beamten in der Bonner Kaiserstraße ermutigende erste Anläufe in Richtung "Füllung der Expertenlücke bei der Entwicklungshilfe hinsichtlich Quantität wie Qualität". Denn sie stoßen bei der personellen Bestückung ihrer Projekte immer wieder an die Grenzen der Vollbeschäftigung im eigenen Land.

Es fehlt vor allem an volkswirtschaftlichen Beratern, gehobenem Management, Diplomingenieuren und Ausbildern für viele Berufe. Während die Regierungen des Ostblocks – und im Falle Experten-Leasing sind sie einmal Vorbild für das Entwicklungshilfeministerium in Bonn – je nach Bedarf Experten aus dem Produktionsprozeß herausziehen und als "fliegende Feuerwehr" in die Dritte Welt verschicken können, ist die Bundesregierung auf das Wohlwollen der Industriemanager angewiesen. In Deutschland gilt es viel Überzeugungskraft aufzubieten, um bei der Industrie in Sachen Entwicklungshilfe auf Gehör und Interesse zu stoßen.

Aber Not macht bekanntlich erfinderisch. Und wozu hat man seit geraumer Zeit einen Staatssekretär im BMZ, der nicht nur eine Professur in Volkswirtschaftslehre und Praxis in der Gewerkschaftsarbeit vorzuweisen hat, sondern aus seiner Direktorenzeit bei Krupp noch über ausgezeichnete Verbindungen zur Industrie verfügt? Karl-Heinz Sohn lud kurz entschlossen im Juni dieses Jahres seine Freunde zu Saft, Zigaretten und Snacks ein. Es kamen Vorstandsmitglieder, Geschäftsführer sowie Generalbevollmächtigte von 15 namhaften deutschen Großunternehmen.

Sohn versprach den Bossen da Hilfe, wo sie schon heute der Schuh drückt: In den kommenden Jahren wird mit einem Absatzrückgang für die stark exportorientierte deutsche Industrie auf den Märkten der Entwicklungswelt zu rechnen sein. Akuter Devisenmangel wird die Regierungen zu immer mehr Produktion innerhalb der eigenen Grenzen zwingen. Deutsche Unternehmen täten also gut daran, mehr als bisher Produktionen in die Dritte Welt zu verlagern, zumal dort ein Überangebot an Arbeitskräften lockt.