Der Begriff "Politische Theologie" ist dem Durchschnittsbürger immer noch verdächtig. Entweder denkt er dabei an den politischen Katholizismus der Weimarer Zeit, wie er sich im Zentrum verkörperte (1922 wurde der Begriff von dem Katholiken Carl Schmitt geprägt) oder an jene protestantische "Schwärmerei", die in den Bauernkriegen ein blutiges Ende fand und in dem "Gottesreich von Münster" mit Gewaltherrschaft und Vielweiberei bis heute abschreckend wirkt. Da hält man es lieber mit Kaiser Wilhelm II., der seinem ehemaligen Erzieher zum Ende der Christlich-Sozialen Partei des Hofpredigers Stoecker telegraphierte: "Die Herren Pastoren sollen sich um die Seelen ihrer Gemeinden kümmern, die Nächstenliebe pflegen, aber die Politik aus ihrem Spiele lassen, dieweil sie das gar nichts angeht." Dieses Zitat findet sich, bezeichnenderweise, in dem Buch

Ernst G. Mahrenholz: "Die Kirche in der Gesellschaft der Bundesrepublik"; Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1969; 193 S., 8,50 DM.

Mahrenholz breitet das Erbe aus, das den Kirchen beider Konfessionen in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft und zum Staat anlastet. Diese Begrenzung des kirchlichen Auftrags ist gekoppelt mit dem besonderen Status, den die Kirchen beanspruchen und der ihnen vom Staat gewährt wird; "Körperschaften öffentlichen Rechts." Dadurch unterscheiden sich die Kirchen in der Praxis von allen anderen gesellschaftlichen Gruppen: Sie haben eigene Gesetzgebung, Steuern und Beamte. Dieser Status gibt ihnen eine fiktive Autorität, angesichts bestehender gesellschaftlicher Konflikte ein "verbindliches Gesamtinteresse" zu repräsentieren.

Das Buch zeigt, wie diese Autorität dahinschwindet und die Entwicklung dahin tendiert, die Kirchen als Verbände zu verstehen, deren Worte (die evangelischen Denkschriften und die katholischen Hirtenbriefe), in eine demokratische Öffentlichkeit gesprochen, die umfassende Autorität nicht mehr beanspruchen können. Gerade deshalb sind aber die Kirchen genötigt, sich der rationalen Auseinandersetzung zu stellen.

Der umfassende Anspruch ist vor allem darin begründet, daß die Kirchen als "Volkskirchen" ihre Mitgliederschaft durch die Taufe, also automatisch regenerieren. Wie fragwürdig die Kindertaufe ist, hat 1948 zuerst Karl Barth theologisch aufgezeigt, doch glaubt Mahrenholz dessen Kritik nicht als Ansatz für eine Strukturänderung der Kirche annehmen zu dürfen. Sie führt nicht zur Taufverweigerung in breitem Maßstab, weil ein Bedürfnis nach "Lebenshilfe und seelsorgerischer Begleitung in den Krisenpunkten des Lebens" besteht. Man wünscht den Pfarrer bei Hochzeit und Beerdigung, bei Taufe und Konfirmation, bei Firmung und Erstkommunion. Dennoch ist zu fragen, ob sich dadurch die Position der Kirchen und ihre Struktur legitimieren läßt, das heißt, ob hier der legitime Auftrag der Kirchen liegt. Zu denken geben immerhin gewisse Erscheinungen, zum Beispiel die zunehmenden Abmeldungen der religionsmündigen Kinder aus dem Religionsunterricht.

Nicht einen Wandel in der Struktur der Kirche, wohl aber eine umfassende neue Konzeption ihres Auftrags hatte Johann B. Metz in seinem Buch "Zur Theologie der Welt" (1968) und in vielen anderen Aufsätzen und Vorträgen nahegelegt. Dazu äußern sich Vertreter beider Konfessionen in dem Buch

"Diskussion zur politischen Theologie‘", mit Beiträgen von J. B. Metz, W. Pannenberg, K. Rahner, T. Rendtorff u. a., hrsg. von Helmut Peukert; Chr. Kaiser Verlag und Matthias Grünewald Verlag, München/Mainz 1969; 317 S., 19,80 DM.