ARD, Donnerstag, 12. November: Bericht über die Beisetzung de Gaulles

Kaiser, König, Edelmann waren versammelt, teils in schwarz-zivilem Habit, teils in militärischer Buntheit, hatten die Hände gekreuzt und blickten allesamt ernst, denn es wurde die Totenfeier gehalten für einen der ihren, aber auch ein wenig verlegen angesichts der souveränen Routine, mit der die Geistlichkeit im Chor den Geschäften nachging, millimetergenau hin und her huschte und, unberührt von so viel schwarzer Starrheit und violetter Bußfertigkeit, das einstudierte Ritual mit heiterer Selbstverständlichkeit, eher beiläufig als pathetisch, zu improvisieren schien.

Die Stunde in Notre-Dame war für den Betrachter am Bildschirm theologischer Anschauungsunterricht: Vollzogen wurde eine Liturgie, an der die Laien, vom sichtbar erhöhten, in den Chor einbezogenen Präsidenten bis zum Major und Bettelmann draußen vorm Tor, dem helmbewehrten Gardisten und dem Volk von Paris, nur als Statisten teilnehmen konnten. Und so standen sie denn und gaben sich würdig, die auf pure Assistenz beschränkten Langschiff-Prominenten aus Abessinien und den Vereinigten Staaten, aus Holland und der UdSSR, aber kleine besten, das Handbewegen und Köpfedrehen, deuteten die Grenze an, hinter der andächtige Sammlung sich in Langeweile auflöste und die Meditation ins Dösen geriet.

Erst draußen, vor dem Portal des Jüngsten Gerichts, fing man sich wieder, wagte zu lächeln und freundlich zu tun, das Leben hatte sie wieder, die regierenden Damen und Herren, man neigte das Köpfchen zur Seite und nickte verständig, zwar nicht ganz mit jener spielerischen Akkuratesse, die Kardinal Marty im Gespräch mit dem trostbedürftigen Staatspräsidenten vorexerzierte, zart, huldvoll und bis zu jenem Punkt formalisiert, an dem Drill sich in Anmut verwandelt... aber immerhin, man tat, was man konnte, der eine besser, der andere weniger gut; nickend plaudernd, plaudernd nickend standen sie herum wie eine illustre Reisegesellschaft, die vorm Ritz die Taxis erwartet.

Es war ein heiterer Tag, an den Bäumen hingen noch gelbe Kastanienblätter, der Präsident war den Blicken entschwunden, Charles und Juliana, Ben Gurion und Heath, Erhard und Kiesinger atmeten Pariser Herbstluft ein, Sekunden dehnten sich, jetzt könnten die Wagen aber wirklich bald kommen, was soll man sich schon sagen, in fremder Sprache, bei solcher Gelegenheit, vor dem Portal der Heiligen Anna, zweit mal wurde die Beendigung der Übertragung angekündigt, zweimal ging’s weiter, ein Satyrspiel beschloß den Trauerakt, und der Betrachter am Bildschirm erinnerte sich an das letzte große Familientreffen bei Kennedys Beerdigung: Dieser funebre Ausflug zum Friedhof hinaus, ein Fußmarsch über Stock und Stein, bei dem man an der Tete schwieg und weiter hinten sprach, Erhard war schon damals dabei, dazu der Präsident, der Lübke hieß, ferner – Charles ging noch zur Schule – Prinz Philip und vor allem ein Mann, der schweigend, gelassen und einsam: wie ein Duzfreund des Todes daherschritt – de Gaulle.

Momos