Von Thomas von Randow

Einen Stoff, der die außer Kontrolle geratene Vermehrung von Krebszellen zu bremsen vermag, haben Biochemiker der Universität Princeton (US-Staat New. Jersey) identifiziert. Das könnte der erste Schritt auf dem Wege zur Entwicklung eines Krebsmittels sein, das dem Tumorwachstum Einhalt gebietet, ohne das Gewebe zu zerstören.

Professor Max M. Burger und der 22jährige Student Kenneth D. Noonan gingen bei ihren Experimenten, über deren Ergebnisse sie in der Zeitschrift "Nature" (7. November) berichten, von der allgemein akzeptierten Hypothese aus, daß die Beschaffenheit der Zelloberflächen entscheidend dafür ist, ob sich die Zellen normal oder "wild" vermehren. Krebszellen haben beschädigte Oberflächen.

Wenn es gelänge, die beschädigten Membranen der Krebszellen zu reparieren, müßte die zügellose Proliferation aufhören, überlegten sich die Princeton-Wissenschaftler. Als eine Substanz, die sich an Zelloberflächen klebt und so die zerstörten Membranstellen "flickt", erwies sich "trypsiniertes Concanavali A", kurz "Con-A" genannt, ein aus der Schwertbohne gewonnenes und chemisch bearbeitetes Protein.

In Kulturen aus Mäuse-Bindegewebe, das mit einem Virus infiziert und so in Krebsgewebe umgewandelt worden war, erwies sich Con-A tatsächlich als Reparaturstoff. Wurde nur eine einzige Dosis davon der Krebsgewebe-Kultur zugesetzt, dann hörten die Zellen auf, sich zu vervielfältigen. Und das Krebswachstum setzte auch während der ganzen Lebensdauer der Kulturen (sechs Tage) nicht wieder ein.

In früheren Versuchen hatten Dr. Burger und seine Mitarbeiter herausgefunden, daß das Enzym Trypsin die Oberflächen von gesunden Zellen angreift und in normalen Zellkulturen das für Krebsgewebe charakteristische wilde Wachstum verursacht. Jetzt sind die Forscher in der Lage, mit den beiden Chemikalien Trypsin und Con-A das Krebswachstum von Geweben beliebig an- und abzustellen. Bemerkenswert ist, daß es dazu nur der Manipulation der Zellmembran bedarf, das genetische System der Zellen also nicht verändert zu werden braucht.

In diesem Zusammenhang, so betonte Professor Burger, seien die Untersuchungen seines Kollegen von der Universität von Kalifornien, Harry Rubin, von Bedeutung. Rubin hatte, einen – bislang noch nicht identifizierten – Stoff in Krebsgeweben gefunden, der offenbar aus Krebszellen ausläuft und der, in eine Kultur aus gesundem Gewebe gebracht, dieses zum Wuchern veranlaßt, also in Krebsgewebe verwandelt (ZEIT Nr. 11, 1970). Rubin hat die Substanz OSF (overgrowth stimulating factor) genannt.