München

Ist die vielgelobte Münchner Atmosphäre, derentwegen sich alljährlich rund 25 000 Menschen als "Zuagroaste" an der Isar niederlassen, pures Gift? Jedenfalls wird sie die Gerichte beschäftigen. Denn seit der vergangenen Woche liegt bei der Staatsanwaltschaft München I eine Anzeige. "Die Luft ist zum Verbrauch als Atemluft bestimmt, sie gehört daher zu den durch § 324 StGB geschützten Gegenständen", stellt darin der Bürger Walter Henle fest. In diesem Paragraphen 324 des Strafgesetzbuches heißt es: daß zu hoher Gefängnisstrafe verurteilt wird, wer "...Gegenstände, welche zum öffentlichen... Verbrauch bestimmt sind, vergiftet"

Anzeige-Erstatter Henle glaubt, daß die Auspuffgase der Autokarawanen die Münchner Luft inzwischen derart verpesten, daß es höchste Zeit sei, die Sache "strafrechtlich zu würdigen". Henle fühlt sich als Geschädigter, "da ich gezwungen bin, in München zu arbeiten". Seine Argumente sind nicht aus der Luft gegriffen, vielmehr verweist er auf einen Artikel der Süddeutschen Zeitung, die einige Tage zuvor unter der Überschrift "Gefahr liegt in der Luft" über ein alarmierendes "Experiment" berichtet hatte, das folgendermaßen zustande gekommen war:

Der Redakteur der "Wissenschafts"-Seite Martin Urban, sah Ende Oktober unter dem Fenster seines Redaktionsstübchens, das fünf Meter über der Fahrbahn der Sendlinger Straße in Münchens Innenstadt liegt, zufällig einen städtischen Meßwagen. Urban eilte hinaus und bat um einen Lufttest. An eine Sensation war nicht unbedingt zu denken, denn um elf Uhr näherte sich der Verkehr der mittäglichen Flaute und außerdem regnete es leicht, was sich luftreinigend auswirkt. Indes: die Skala des Meßwagens, die bis 100 geht, reichte nicht aus, um den momentanen Kohlenmonoxid-Gehalt der Luft ganz genau aufzuzeigen; der Zeiger schlug oben an. "Das ist mehr als das Doppelte des gerade noch Zulässigen", klärte der Wissenschaftsredakteur seine Kollegen auf. "50 Teile pro Million – das wäre das Äußerste an Giftgaskonzentration, was an einem Achtstundentag hindurch toleriert werden dürfte." Seither sitzen die SZ-Redakteure am liebsten in ihren verräucherten Zimmern, um nur ja keine Luft aus der Sendlinger Straße atmen zu müssen.

Die SZ teilte den Lufttest ihren Lesern mit und meinte: "Das, was als Momentaufnahme in der Sendlinger Straße gewonnen wurde, gilt für weite Teile der Münchner Innenstadt. Der Befund reichte wohl aus, um Alarm zu schlagen, ja sogar, um die von Giftschwaden durchzogenen Straßen für den Autoverkehr zu sperren... Kohlenmonoxid wirkt einschläfernd. Staat und Stadtverwaltung aber dürfen nicht weiterschlafen. Es wäre tödlich für München."

Das gab Walter Henle den letzten Anstoß, sich an die Schreibmaschine zu setzen und die Anzeige zu tippen. Der 38jährige hat von Berufs wegen nichts mit Abgasen zu tun, wohl aber liegt ihm das Kontrollieren: Er ist ein "kleiner Beamter" beim Staatlichen Rechnungsprüfungsamt. Er reagierte nicht spontan, vielmehr weist er die Staatsanwaltschaft, "zur Erleichterung Ihrer Bemühungen", auf einschlägige Veröffentlichungen und Verordnungen hin, die erkennen lassen, daß sich der Anzeige-Erstattende mit der Materie befaßt hat. Nach Bekanntwerden seiner Anzeige läutete bei Henle ständig das Telephon. "Viele Leute wollten sich anschließen oder eine Unterschriftenaktion anregen."

Henle wirft den Autofahrern in seiner Anzeige "bedingten Vorsatz" vor, an der Vergiftung der Luft beteiligt zu sein, denn "den Autofahrern ist die gesundheitsgefährdende Wirkung der Auspuffgase wohl bekannt. Sie benützen ihre Fahrzeuge trotzdem." Der Streiter für eine bessere Münchner Luft ging deshalb mit gutem Beispiel voran: "Auch ich war einmal Autofahrer, aber ich hab’s aufgegeben." Ab und zu steigt er ins Taxi, und sonst fährt er wochentags mit der Eisenbahn. Henle braucht sich die schmutzige Atmosphäre der Weltstadt mit Herz, in der sich die Zahl der Kraftfahrzeuge in den letzten zehn Jahren von 200 000 auf 400 000 verdoppelt hat, nicht ständig um die Nase wehen zu lassen; er wohnt 30 Kilometer außerhalb, in Tutzing am Starnberger See. Kilian Gassner