Von Wolf Donner

Das Kino hat Geburtstag. Vor fünfundsiebzig Jahren, am 1. November 1895, meldete Max Skladanowsky sein "Bioskop" beim Berliner Patentamt an, und am gleichen Abend zeigte er zum Abschluß des Varietés im Wintergarten einige lustige Filmstreifchen, die er mit seinem Bruder Emil hergestellt hatte: die erste öffentliche Filmvorführung. Das Kino war geboren. Seine jüngste Bilanz ist trübe, unsere Würdigung zum Jubiläum ein Strauß mit vielen Stacheln: Wir berichten über zwei Erhebungen zum Image des deutschen Kinos, über dessen trostlosen Situation sowie über private und Einzelinitiativen von Filmmachern, bestimmten Kinos und dem neuen Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann, ein neues, lebendiges, anspruchsvolles Kino zu machen.

In den drei Jahren ihres Bestehens ist es der Filmförderungsanstalt bewundernswert gelungen, das Niveau des deutschen Films auf breiter Grundlage zu senken, und das mit gesetzlicher Basis. Man braucht nur durch die City deutscher Städte zu gehen, um die Auswirkungen dieses unseligen Förderungsgesetzes zu sehen: Spekulative Aufklärung und müder Unterhaltungskrampf, Frau Wirtin, Graf Porno und die blöden Lümmel-Scherze beherrschen das Feld. Filme, die, wie die Filmwirtschaftler nicht müde werden zu behaupten, das anspruchslose deutsche Publikum nun einmal sehen wolle. "Die das Publikum will, ob es will oder nicht", kommentiert der Kritiker Helmut Färber diese Argumentation mit der Zwangsentscheidung einer lächerlichen Minorität.

Verödete Kinolandschaft

Gegen eine Tatsache kommt die Branche jedoch nicht an: Das Kinosterben geht weiter, eines nach dem anderen geht ein; in den letzten zehn Jahren wurden sie fast auf die Hälfte dezimiert, genau auf 3739 Ende 1969. Entsprechend geht der Filmbesuch zurück: 1960 wurden noch 605 Millionen Kinogänger gezählt, 1969 nur mehr 180,6 Millionen.

Die Abspielbasis schrumpft also permanent, sie tut es vor allem in den mittleren und kleinen Orten. Der verbliebene Rest von Kinos liegt in ganzen 8,2 Prozent der deutschen Gemeinden, während die Anzahl derer (bis zu 20 000 Einwohner) ständig wächst, die gar keins mehr haben.

Die Kinos, das ist das Absurde, würgen sich gegenseitig ab. Ein Ring von etwa dreihundert sogenannten Erstaufführern, den wiederum wenige große Konzerne in der Hand haben, beherrscht den gesamten deutschen Filmmarkt und macht allein das Geschäft. Oft blockieren sie Filme auf Monate hinaus, verbieten aber den Verleihern, sie durch andere Kinos auswerten zu lassen. Oft bringen sie einen Film in den falschen Häusern heraus und machen ihn damit kaputt; er wird als erfolglos verbucht, hat auch bei den anderen Kinos des betreffenden Verleihbezirks keine Chance mehr und wird nicht selten ganz aus dem Verleih gezogen.