Ihre Bundesrepublik", so köderte Patrick R. Hyndham, Wirtschaftsrat der Regierung des kanadischen Provinzstaates Quebec und Deutschland-Repräsentant der Franko-Kanadier, deutsche Investoren in Düsseldorf, "ist eines der wesentlichsten Industrieländer der Welt." Vornehmliches Ziel dieses Werbens, ließ Hyndham die zur Eröffnung der Quebec-Vertretung in der Rheinmetropole geladenen Industriegäste wissen: "Deutschen Unternehmern zu helfen, die sich über die Möglichkeit informieren möchten, eine Zweigniederlassung in Quebec zu gründen."

Deutschlands Firmen allerdings, besonders die bereits in Quebecs größter Stadt Montreal vertretenen BASF, Hoechst, Hoesch und Krupp, beginnen nach dem Geiselmord an Quebecs Arbeitsminister Pierre Laporte nervös zu werden. Allzusehr verdeutlichten der Ministermord, die Entführung des britischen Handelsattaches James Richard, Cross und das in der Folge verhängte Kriegsrecht durch Kanadas unter liberaler, ursprünglich sogar sozialistischer Flagge angetretenen Premierminister Pierre Elliot Trudeau die Schwäche des Zielgebietes für die erbetenen Investitionen: Der Lebensstandard der in Quebec lebenden Franko-Kanadier, so ermittelte 1969 eine Kommission der Regierung in Ottawa, liegt weit unter dem der Anglo-Kanadier, die ohnehin 80 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Seit einem halben Jahrhundert plagen sich die sechs Millionen Kanadier mit Arbeitslosenquoten zwischen vier und 15 Prozent. Gegenwärtig hat Quebec 8,9 Prozent Arbeitslose, die benachbarte Provinz Ontario lediglich 5,1 Prozent – bei einer Quote von 4,7 Prozent in ganz Kanada.

Freilich ist nicht allein Quebec betroffen. Im argen liegt es, so Kanadas Konsul in Hamburg, David Armour, vielmehr in sämtlichen Atlantikprovinzen, deren Arbeitslosenquote mit 8,8 Prozent hart an die Quebecer Marge heranreicht.

Die Ursache des aus studentischen Anfängen hervorgegangenen Protests gegen die Verdammnis zur wirtschaftlichen Unterprivilegiertheit der Franko-Kanadier faßte die Frankfurter Allgemeine Zeitung zusammen: "Den Studenten droht beim Universitätsabgang schon die Stellungslosigkeit." Ein veraltetes katholisches Schul- und Universitätssystem, auf Geisteswissenschaften statt auf Natur- und Wirtschaftswissenschaften ausgerichtet, produziert mangelhaft gerüsteten Managementnachwuchs. Die Folge: Die aus Gewohnheit überlegenen, geschäftstüchtigen, finanziell gut gepolsterten Anglo-Kanadier dominieren in den gehobenen Stellungen, bevorzugt durch ihre englische Muttersprache, die Kanadas Amtssprache ist.

Seit Frankreich Quebec 1763 an Großbritannien abtreten mußte, waren die Anglo-Kanadier immer die Aktiveren, die Reicheren, die Mächtigeren und Gebildeteren. Die gehobenen Positionen (Jahreseinkommen über 50 000 Mark) sind zu 77 Prozent von Anglo-Kanadiern besetzt. Das durchschnittliche Einkommen eines englischsprachigen Arbeitnehmers liegt in Quebec um 40 Prozent höher als das seiner französischsprachigen Kollegen.

Die Basis der Unzufriedenheit durch wirtschaftliche wie gesellschaftliche Reformen zu beseitigen, ist Trudeau mit gleichsam jugendlichem Eifer angetreten. Aber was immer er begann, es entpuppte sich als Teufelskreis.