Streichung bei Neckermann: die Sporthilfe-Trauben hängen nun höher! Bei den Leichtathleten hat man zur Bilanz der Saison sehr scharfe Maßstäbe für die weitere Förderung angelegt: 118 (!) Leichtathleten soll die Sporthilfe ganz gestrichen werden, was zweifellos für den einen oder anderen – besonders für Mitglieder sogenannter finanzschwacher Vereine – bedeuten wird, daß er seine Spikes der Caritas oder der Müllabfuhr anvertraut. "Wir sind doch keine Sportler-Pension", verlautete das Frankfurter Büro der Medaillen-Versicherungsanstalt. Eine harte, aber in einem Olympia-erfolgsorientierten privat-wirtschaftlich konzipierten Förderungsunternehmen durchaus verständliche Maßnahme von geradezu "DDRischer" Konsequenz und Klarheit: it doesn’t pay off!

Jedoch darf bezweifelt werden, ob man nun in allen Sportarten mit der gleichen "Weltniveau-Elle" mißt. Wie denn etwa nun mit den bundesrepublikanischen Kunstturnen! nach ihrem Weltmeisterschaftsdebakel in Ljubljana? Diese von der heimischen Sportpresse so im voraus bejubelten ("stark verbessert") Turnbrüder- und schwestern haben nun alles andere als Sporthilfe-würdige Leistungen gezeigt, auch die Frankfurter "Turnakademie" scheint sich hier nicht auszuzahlen. Der beste Turner auf Platz 44, die beste Dame rangierte immerhin auf dem 39. (!) Platz.

Mein Gott, wenn so etwas beispielsweise den Schwimmern oder Leichtathleten passiert wäre! Hier reagiert die sogenannte Sportöffentlichkeit ja schon bei vierten Plätzen und knapp verfehlten Weltrekorden enttäuscht, beleidigt und beleidigend. Sportliche Fairneß gebietet nüchtern festzustellen, daß – bei gleichen Kriterien – in Blickrichtung auf die Münchner Medaillen aussichtslosen Sportarten wie etwa Geräteturnen, Volleyball, Basketball u. v. a. die Sporthilfe-Unterstützung nahezu völlig gestrichen werden müßte: Metall ist hier von vornherein nicht drin! Hier ist man einfach hoffnungslos weit hinter der Weltspitze zurück und wird es bis 72 auch bleiben.

Natürlich werden im Kunstturnen in den beiden kommenden Jahren wieder einige nette Länderkampfchen gegen Holland, Norwegen oder Jugoslawien gewonnen werden, die dann die Sportöffentlichkeit, Funktionäre, ja sogar die Aktiven selbst in Traumtanz und Euphorie einlullen. Die Optik der Sportjournalisten ist hier ja vielfach stark verzerrt: Eine Weltklasse-Weitspringerin wie beispielsweise die Dortmunderin Brigitte Krämer (Bestleistung 6,35 m, Platz 12 der Weltrangliste) ist hierzulande völlig unbekannt, während Turnerinnen wie Angelika Kern, Marlies Stegmann, Herta Löwenberg stark beachtet werden (ganzseitig in Bild am Sonntag), obwohl sie in der Weltrangliste nur irgendwo zwischen Platz 150 und 200 herumturnen.

Hier zeigt sich halt die unglückliche Liebe der deutschen Seele zu jenen traditions-strammen Gerätschaften, mit denen sie vom Schulturnen her so vertraut ist. Für München 72 wäre dieses Gebiet jedoch totale Fehlinvestition, selbst mit der Damenmannschaft könnte nicht mehr als ein siebenter bis neunter Platz herausschauen. Sporthilfe in solchen Sportarten wäre nur eine Art Entwicklungshilfe von der Vier- zur Drittklassigkeit! Sportökonomische Striche bei der Sporthilfe, gut. Aber dann bitte – fair wie in der DDR – gleiches Weltklasse-Maß für alle. Brigitte Berendonk