Düsseldorf Bis zum 29. November, Städtische Kunsthalle: "Avantgarde gestern"

Eine schöne und kunsthistorisch genaue Rekonstruktion des "Jungen Rheinland", das sich 1919 in Düsseldorf etablierte, eine westdeutsche Parallelaktion zur Berliner "Novembergruppe" und zur Dresdner Neuen Sezession. Die Rheinische Gruppe hatte allerdings kein so ausgesprochen politisches Profil, man protestierte gegen den Akademismus der Kunstakademie und ihres Direktors, gegen den etablierten Ausstellungsbetrieb. Aber die Revolutionäre gingen nicht auf die Straße. Sie versammelten sich und diskutierten in "Mutter Eys Kaffeestübchen".

Die gutmütige dicke Matrone war nicht bloß die am häufigsten und am besten von Max Ernst und Otto Dix porträtierte Dame, sie fungierte als Mittelpunkt und Galionsfigur des "Jungen Rheinland". Die Mutter Ey muß damals in Düsseldorf eine ähnliche Rolle gespielt haben wie vierzig Jahre später der freundlich-humorvolle Alfred Schmela. Jedenfalls ist das Fluidum von rheinischer Gemütlichkeit, das vom Künstlerkreis "um Mutter Ey" ausging, durchaus trügerisch, und man braucht dafür nicht nur auf Dix zu verweisen, der 1922 nach Düsseldorf kam und das am Expressionismus orientierte "Junge Rheinland" mit der sozialkritischen Härte der Neuen Sachlichkeit konfrontierte.

Er ist mit dreizehn Gemälden die beherrschende Figur der Düsseldorfer Ausstellung. Einige dieser Bilder, wie "Der Salon" und "Die Eltern des Künstlers", sind noch in Dresden entstanden, sie haben nichts mit dem "Jungen Rheinland" zu tun, sie zeigen, daß Dix in Düsseldorf nicht anders gemalt hat als vorher, Düsseldorf hat nicht Dix verändert, sondern umgekehrt. Gerade an den besten Bildern von Gert Wollheim ("Abschied von Düsseldorf"), von Arthur Kaufmann und Richard Gessner (sein "Paris bei Nacht" gehört zu den unbekannten Meisterwerken der zwanziger Jahre) kann man die Nähe zu Dix konstatieren.

Zu den Künstlern, die sich weder vom abgelebten Expressionismus noch von der Neuen Sachlichkeit beeinflussen oder beirren lassen, gehören der "naive" Adalbert Trillhaase und Bruno Goller, vor allem aber Jankel Adler, ein Zugereister (aus Polen) und einer der großen Außenseiter in der Malerei unseres Jahrhunderts. "Das Junge Rheinland" en bloc – die Kunsthalle zeigt 64 Künstler mit 160 Arbeiten – als "Avantgarde gestern" herauszustellen, geht auf das Konto lokalpatriotischer Imagepflege – Düsseldorf war auch schon vor 50 Jahren ein Vorort der Kunst. – Die Schau geht anschließend nach Berlin.

Gottfried Sello

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