Als das Auto im Frühjahr letzten Jahres der Öffentlichkeit vorgestellt werden sollte, dachten die NSU-Manager an einen Preis von rund 9000 Mark.

Als das Auto dann in die Regie des Volkswagenwerkes übernommen wurde – nach der Fusion von Audi und NSU –, kalkulierten Fachleute, daß es durch die Großserienproduktion bei VW sogar 1000 Mark billiger werden könnte.

Als das Auto nun im Herbst mit dem VW-Emblem an der Côte d’Azur produktionsreif präsentiert wurde, rechnete man allgemein mit einem Preis knapp unter 9000 Mark.

Als das Auto am letzten Wochenende in die Schauräume der VW-Händler gefahren wurde, erhielt es das Preisschild: 9450 Mark in der einfachsten Ausführung. Mit knapp 10 000 Mark ist die beste Ausführung der teuerste VW, den es je gab.

In vier dürren Zeilen hatte die VW-Pressestelle am 12. November verlautbart, daß der VW K 70 am Sonnabend "bei allen VW-Händlern in der Bundesrepublik im Schaufenster" steht und anschließend "im Inland die Auslieferung an die Kunden" erfolgt. "Der Export ins europäische Ausland beginnt im kommenden Frühjahr."

Nüchtern, wie es die Art des Hauses ist, macht Europas größter Automobilkonzern (Tagesproduktion 9600 Autos) weltweit einen neuen, massiven Vorstoß auf einen Markt, auf dem er bisher nicht recht reüssierte und auf dem er amerikanischen Tochterfirmen den Vorrang lassen mußte.

Vor zwei Jahren hatten die Wolfsburger den ersten Anlauf genommen mit dem VW 411, einem 1,7-Liter-Wagen, der heute rund achteinhalbtausend Mark kostet. Das Geschäft lief mühsam. Bis zum 30. September dieses Jahres liefen 104 000 Wagen dieses Typs vom Band. Deutschlands zweitgrößter Autolieferant, die Adam Opel AG, verkaufte in dieser Klasse allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres von ihrer Rekord-Serie 132 968 Wagen. Vom VW 411 wurden in diesem Zeitraum keine 20 000 zugelassen, davon etwa die Hälfte Kombiwagen.

Mit dem Erbe von NSU – der K 70 wurde in Neckarsulm erdacht und entwickelt – will Kurt Lotz nun die Scharte auswetzen. Aufbauend auf den Erfahrungen mit dem Wankelauto Ro 80 haben die Schwaben ein modern konzipiertes Auto auf die Räder gestellt, das vor allem mit einem lange gepflegten Wolfsburger Tabu bricht: Es hat einen 1,6-Liter-Motor mit Wasserkühlung (statt Luftkühlung) und Frontantrieb (statt Heckantrieb).

In dem in Salzgitter innerhalb von neun Monaten aus der Erde gestampften neuen VW-Werk sollen künftig pro Tag 500 Autos dieses Typs produziert werden, rund 130 000 Stück also im nächsten Jahr. Das bringt harte Konkurrenz auf dem Markt der Autos in der Preisklasse zwischen 8000 und 10 000 Mark, auf dem die beiden amerikanischen Satellitenfirmen Ford und Opel bisher tonangebend waren und im ersten Dreivierteljahr 1970 rund eine Viertelmillion Autos in der Bundesrepublik verkauften.

Mit insgesamt rund 400 000 Zulassungen in den ersten neun Monaten bildet diese Preisklasse etwa ein Viertel des deutschen Automobilmarktes. Der VW-Konzern hatte daran bisher nur einen Anteil von knapp 15 Prozent, und das auch nur dank der Tochter Audi NSU.

Mit dem K 70 soll sich das im nächsten Jahr ändern. Auf den schärfsten Konkurrenten stößt der Neue aus Wolfsburg allerdings im eigenen Hause: Auf den Audi 100, mit 140 Mark mehr kaum teurer und technisch von ähnlicher Konzeption. Heinz Michaels