Peter Glotz, Zeitungswissenschaftler an der Universität München, hat unlängst Rundfunkleuten eine Rede über Zukunftsperspektiven des Rundfunks gehalten; in der Kölner Funk-Korrespondenz erschien sie in Kurzfassung. Zu Glotz’ Thesen gehören die: "Die Rundfunkanstalten können und sollen keine Großkonzerne zur elektronischen Vollversorgung der Gesellschaft werden. Bei Bildung und Ausbildung schwanken die öffentlichrechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten zwischen Imperialismus und Defaitismus; sie haben eine Startfunktion. Die Rundfunkanstalten müssen mit ihrem Publikum über das Programm zu einer rationalen Diskussion finden (...sinnvoll wäre eine Magazinsendung ‚Talk back to your television...‘)."

Und die: "Die private Nutzung der Kassette ist durch legislative Akte nicht zu behindern... Eine öffentlich kontrollierte und gemeinwirtschaftliche Form der Produktion und Verbreitung von Kassetten muß der privaten entgegengesetzt werden. Die Rundfunk- – anstalten müssen nach Wegen suchen, hier regulierend einzugreifen."

Hier trifft sich Glotz’ Forderung mit einer anderen, an einen anderen Adressaten gerichteten, die in der letzten Zeit an vielen Stellen immer wieder erhoben wurde: der Staat müsse eine Medienkommission berufen, die sich Überblick verschafft über jene Veränderungen im Kommunikationsbereich, die mit Gigahertz-, Kabel- und Satellitenfernsehen sowie der Video-Kassette und den direkt anwählbaren Informations-Speicherhäusern gewiß und in nicht allzu ferner Zukunft eintreten werden; und die, im Verein mit einer wissenschaftlichen Medienforschung, vielleicht doch noch ein paar Weichen stellen hilft.

Der Staat ist herausgefordert, die Sendeanstalten sind es; auf andre Weise ist es auch die Privatwirtschaft, die notgedrungen zu neuen Kooperationen und Konzentrationen finden muß. Der Filmindustrie etwa, von deren Misere in dieser Ausgabe der ZEIT (S. 30/31) verschiedentlich die Rede ist, mag, nach den Worten des Vizepräsidenten der Columbia, von "der Kassette" gerettet werden, einfach weil ihre Studiokapazitäten dann wieder voll gefragt sind; dem "Kino" aber mag die Kassette, zusammen mit einem entscheidend verbesserten und vergrößerten Fernsehbild, den letzten Todesstoß geben.

Gewiß kann der Staat hier kaum durch legislative Akte eingreifen, und ein staatliches Informationsmonopol gar wäre nicht weniger abschreckend als ein privates. Dennoch kommt die Zeit, wo ein paar nachträgliche Korrekturen hier und da nicht mehr ausreichen. Für die Gesellschaft sind die Medien zu wichtig, als daß sie ganz allein den Regeln des Marktes überlassen bleiben können, die mörderische sind; daß sie ganz und gar den Managements einiger internationaler Großkonzerne anheimgegeben werden können, gegen die die heute in Deutschland entstehenden Konzentrationen der Medienindustrien zwergenhaft sein werden. Nicht um die Einschränkung, sondern um die Erhaltung einer besser verstandenen Freiheit geht es. Der Verkaufserfolg oder Mißerfolg als Plebiszit, ist schließlich keines über Wahrheit, Berechtigung und Gerechtigkeit einer Sache, sondern höchstens darüber, ob irgendwelche Bedürfnisse getroffen oder wirksam und clever genug eingeredet wurden. Das Notwendige überlebt nicht von selbst, auch in der Presse nicht.

Die Ware der Medien aber ist nicht irgendein Gebrauchsgegenstand, sondern schlechthin die geistige und seelische Verfassung der Gesellschaft; einer für das allgemeine Wohl blinden Konkurrenz überlassen, wird sie die Gesellschaft zugrunde richten. Dieter E. Zimmer