Von Heinz Josef Herbort

Bluffen ist eine verbreitete Technik der Argumentation.

Helmut Krapp, Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel bei der Bavaria Atelier GmbH

Dönningen, eine Kleinstadt irgendwo in Süddeutschland: Bilder aus dem kreisenden Flugzeug, die Auslagen in den Geschäften, der Wochenmarkt, zur Orgelmusik gruppiert sich eine Hochzeitsgesellschaft für das Photo auf der Kirchentreppe, ein Fußballplatz, die Langhaarigen auf den Mopeds, eine alte Frau im Heu, der Pflug auf dem Acker, Mist, Kartoffeln, der Slow-Fox im gutbürgerlichen Lokal, das dilettantisch deklamierte Laientheater in der Schulaula – das ist es, was jemand zu sehen kriegte, käme er zufällig nach Dönningen.

Könnte man annehmen. Aber die "subjektive Kamera", die hier selbstgewählte Ausschnitte aus einer objektiven Realität zu sehen vorgibt, ist mißbraucht. Die Luftaufnahmen: das Flugzeug kreist um die Kirche, sie ist das Zentrum des Ortes; die Hochzeiter: auch der Pfarrer muß mit aufs Bild; die Mopedjugendlichen: seht her, so übel sind sie gar nicht, sie wechseln dem Pfarrer gern das Zweimarkstück für den Zigarettenautomaten. Nicht Realität wird hier gezeigt, sondern eine Szenerie entworfen, ein Bühnenbild, in das später ein "Problemstück". hineingestellt werden soll; aber die biedere Plakativität der Dekoration entlarvt die Kolportage, noch ehe sie überhaupt begonnen hat.

"Mit den filmischen Mitteln", sagt Oliver Storz, Autor des Fernsehspiels "Die Beichte", das vom ZDF am 11. November gesendet wurde, "erreichen Sie beim normalen Publikum – und darum geht es mir ja in erster Linie – den Effekt, daß es Fiktives für Realität hält."

Zehn schlägt die Kirchturmuhr, und der Laub harkende Küster wünscht dem Pfarrer einen guten Morgen. Der Pfarrer: zu Hause ist er modern, offenes Hemd, farbiger Anzug. Wenn er hingegen zum Dienst geht, um Beichte zu hören etwa (Beichte morgens um zehn?), trägt er die schwarze Toga von ehedem, nimmt Weihwasser und verharrt während, der Kniebeuge einen Augenblick in kurzem Gebet. Die angebliche, Realität ist in sich widersprüchlich. Viel haben, wie die Kamera jetzt von außen, als Dritter beobachtet, Pfarrer Kellers Beichtkinder für gewöhnlich nicht zu bekennen: der Zwölfjährige, die alte Frau, die einem spastisch gelähmten Kind verbot, in ihrem Garten zu spielen, weil sie "Angst gehabt, daß die Mieter bei mir Anstoß nehmen". Und sie werden es wieder in Ordnung bringen, dank dem Zuspruch des Pfarrers, "Ego te absolvo a peccatis tuis". So einfältig wie die Gemüter, so einfach ist der Beichtmechanismus.