Von Wolfgang Hoffmann

Die Düsseldorfer Doma Heizüngs- und Sanitär GmbH mußte bei Gericht den Konkurs anmelden. Der Kulmbacher Elektromechaniker und Kaufmann Friedrich Strössenreuther sah ebenfalls. keinen anderen Ausweg. Um den Raumgestalter Lönnecke aus Braunschweig stand es nicht minder schlecht, denn die Gläubiger saßen ihm im Nacken. Und in Heiligenhaus bei Wuppertal mußte Maria Tollhausen ihr Gasthaus schließen, weil sie keine Chance sah, ihre Schulden zu begleichen.

Was der Präsident der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände unlängst für die Industrie voraussagte, gilt eher für kleine und mittlere Gewerbetreibende: "Viele wissen noch nicht, daß sie schon pleite sind." Allein im Bereich des Einzelhandels stieg der Anteil derjenigen Geschäfte, die in Zahlungsschwierigkeiten gerieten, im ersten Halbjahr 1970 um 18 Prozent gegenüber dem entsprechenden Zeitraum des Vorjahres, und im zweiten Halbjahr, in dem sich die Maßnahmen zur Dämpfung der Konjunktur auswirken, werden die Insolvenzen weiter steigen.

In Bonn befürchtet man politische Konsequenzen. Schon hört man in den Bundestagsgängen: Poujade steht vor den Toren. Der französische Mittelstandspolitiker Pierre Poujade gilt vielen deutschen Mittelständlern als Vorbild im Kampf um ihre Interessen. Mitte der fünfziger Jahre hatte er eine Steuerstreikbewegung in Gang gesetzt und war auf dieser radikalen Welle zeitweilig mit 50 Abgeordneten in die französische Nationalversammlung eingezogen.

Nach den lautstarken Protesten der Bauern wollen nun auch die kleinen und mittleren Gewerbetreibenden notfalls die schwarzen Protestfahnen hervorholen. Oswalt Nippert, der Präsident des deutschen Gewerbeverbandes, kündigte erst unlängst auf einer Mittelstandskundgebung einen Protestmarsch sowie einen 24- oder 48stündigen "Streik" der gewerblichen Betriebe an. Der amtierende Bundesgeschäftsführer des 250 000 Mitglieder zählenden Verbandes, Helmut Kasper, charakterisierte die Stimmung: "Unsere Geduld ist jetzt am Ende. Unsere Mitglieder fordern Aktionen."

Seit Jahren fordert der Verband beispielsweise eine Erhöhung des Gewerbesteuerfreibetrages von derzeit 7200 Mark auf 24 000 Mark und moniert: "Daß seitens der Regierung nichts unternommen würde, empfinden wir als eine Diskriminierung des gesamten gewerblichen Mittelstands." Kasper: "Unsere Mitglieder sind bereit zum Sternmarsch auf Bonn. Der Tag X steht aber noch nicht fest."

Glaubt man der Einkommensstatistik des Gewerbeverbandes, so lohnt sich das Geschäft der Selbständigen kaum noch: Während der Durchschnittsverdienst eines Industriefacharbeiters bei 1050 Mark liegt, verfügen die Selbständigen im Schnitt nur über 850 bis 950 Mark.