Auf diese außerordentlich beruhigende und wohlschmeckende Art, einen Tag zu beginnen, sollten Sie jedoch nicht verzichten, und wenn Sie die Größe-weite-Welt-Atmosphäre von Erster-Klasse-Hotels entbehren können, seien Ihnen die Privatpensionen des Rotterdamer Ostens und Nordostens empfohlen. Wenn Ihnen dort am Morgen Mevrouw die Pensionsinhaberin den Kaffee serviert, erfahren Sie in einem Gespräch mehr über die besten Einkaufsmöglichkeiten in der Innenstadt, als Sie später bezahlen können.

Auch wenn Sie aus Hamburg kommen: Machen Sie die Hafenrundfahrt gleich am ersten Morgen oder besser noch: fahren Sie zuvor am Abend bei Sonnenuntergang auf die Hafensüdseite, lassen Sie die Silhouette der bulligen Öltanks und der giraffenhalsigen Kräne auf sich wirken. Sagen Sie nicht, Sie seien schon in London vom Tower bis Tilbury oder in New York den Hudson entlang gefahren, Sie wissen nicht, was das ist: der Welt größter Hafen. Steigen Sie früh am Willemsplein in eines der weißen Spido-Boote; wenn Sie die Zeit haben, nehmen Sie an der großen Rundfahrt teil (zweieinhalb Stunden; sechs Gulden), man fährt bis zu den großen Petroleumhäfen von Botlek hinunter, biegt tiefer in die einzelnen Becken ein und zeigt Ihnen die Riesenfrachter und Mammuttanker aus nächster Nähe. Aber auch die kleinere 75-Minuten-Tour (vier Gulden; Abfahrt im Sommer alle 45 Minuten, im Winter zweimal pro Tag) vermittelt Ihnen eine annähernde Vorstellung vom Ausmaß dessen, was in nüchternen Zahlen sich so ausdrückt: 31,7 Kilometer Kailänge, 474 Kräne, 77 Schwimmkräne, 125 Schlepper; 33 000 ankommende Schiffe pro Jahr, fast 160 Millionen Tonnen Güterumschlag. Von dem, was ein Mensch denkt, der hier ein Leben lang, einer von 16 000, schuftet und der nur Schlagzeilen macht, wenn er, zusammen mit den 15 999 anderen, wie Anfang September, einmal streikt und den Hafen lahmlegt; von dem, was an Lebensinteresse und Lebensinhalten hier geformt, besser: abgetötet wird; von dem, was die "gemoedelijkheid" erzeugt und was sie ersetzen muß – von dem sprechen die Erklärungen des automatischen Tonbands auf dem Spido-Cruiser nicht. Das, zweite "must" sollten Sie, wieder an Land, gleich anschließen, allzulange hält die nautische Hochstimmung nicht vor. Auf dem Wege zum Euromast ("Öhromast") wird der Fremdenführer Sie auf Carrasos Denkmal für die im Zweiten Weltkrieg umgekommenen holländischen Handelsmariner hinweisen – beim Gang über Westplein und ein paar kleine winkelige Straßen läßt sich statt dessen auch an beinahe jedem Haus die Reputation der hier residierenden Bank oder Reederei an der Größe der hochglanzpolierten Messingschilder ablesen.

Einhundertachtzig Meter ist der "öhromast" in diesem Jahr hoch geworden, auf die frühere obere Plattform (1960 fertiggestellt; 110 Meter) hat man einen schlanken Rundturm gesetzt, um den herum jetzt eine Kabine für 32 Personen sich langsam nach oben schraubt: Ein Gefühl wie auf dem Rummelplatz, wenn die Plattform verschwindet und man sich quasi frei in der Luft dreht, der Kitzel ist den Eintritt von 1,50 Gulden wert.

Im Restaurant in 95 Meter Höhe muß man nicht unbedingt gegessen haben; die Aussicht hingegen darf man genießen: auf lange Reihen von Zickzackgiebeln am Rande der Innenstadt und auf das scheinbare Röhrenchaos der Raffinerieanlagen im Westen, auf den kahlen Wald aus Schiffsmasten und Ladekränen zum Süden hin, auf das Rollfeld im Norden und die weiten Landstriche im Osten, die, sechs Meter unter dem Meeresspiegel, erst kürzlich als Bauland erschlossen wurden. Und plötzlich, mit neutralem Ton, der vorsichtig zuviel Betroffenheit vermeidet, fragt, man den Aufzugführer, wo denn vor allem im Mai 1940 die deutschen Bomben auf ihre Weise die Renovierung Rotterdams einleiteten.

Vier Tage nachdem 25 000 Gebäude im historischen Stadtdreieck in Schutt und Asche gingen, begannen die Holländer den Wiederaufbau zum erstenmal, im März 1943 zerstörte die deutsche Luftwaffe noch einmal das westliche Stadtviertel, und im September sprengten schließlich deutsche Pioniere 40 Prozent der Kais, Schuppen und Kräne – heute ist die Innenstadt umfunktioniert: Hochbauten, Verwaltung, Kommerz. Die Freiluftausstellung "Communicatie 70" rund um den Coolsingel zeigt, was nach 25 Jahren Aufbau zustandegekommen ist und was noch hinzukommen wird. Und am Abend erweist es sich, das die Umstrukturierung das Stadtzentrum nicht entvölkert hat. Auch die Kommerzialisierung hat die Stadtmitte "gemoedelijk" bleiben lassen.

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Die Museen – nun ja, es könnte gelegentlich regnen. Im Museum Boymans – van Beuningen (Mathenesserlaan 18-20): Brueghel, Rembrandt, Seghers, Hieronimus Bosch, Marini, Kandinsky, Renoir, van Gogh – von allem etwas.