Von Alfred Grosser

Paris, im November

Noch nie waren so viele Staatsoberhäupter zusammengekommen, um einen verstorbenen Staatsmann zu ehren. Noch nie hatte der Stadtrat von Paris solch einen Beschluß gefaßt, und noch dazu einstimmig, von den Kommunisten bis zur Rechten: die Place de l’Etoile mit dem Triumphbogen und dem Grabmal des Unbekannten Soldaten ist umgetauft, worden in Charles-de-Gaulle-Platz.

Liegt da nicht ein Widerspruch vor? Hat nicht dasselbe Volk, das heute um den General trauert, denselben Mann vor eineinhalb Jahren abgewählt und in die Einsamkeit von Colombey zurückgeschickt? Es ist kein Widerspruch. 1969 trafen die Bürger eine politische Entscheidung, 1970 empfinden sie zutiefst den Verlust einer überragenden, Geschichte gestaltenden Persönlichkeit. Man ehrt gemeinsam den Toten, den man, lebte er noch, umkämpfen würde.

Es ist ein geordnetes, in seinen Institutionen stabilisiertes Frankreich, das dem Toten huldigt. Wie bei Konrad Adenauer hat auch bei de Gaulle gerade die Tatsache, daß sein Prestige schwer angeschlagen war, als er die Macht abgab, dazu beigetragen, daß das politische Leben reibungslos weiterging. Die Nachfolge ist leichter anzutreten, wenn der große Mann Niederlagen erlitten, sich verwundbar gezeigt hat und nicht mehr unersetzbar erscheint. Daß Institutionen und Partei de Gaulle höchst undramatisch und unproblematisch überleben, ist wohl eine seiner größten Leistungen, allerdings eine zum Teil ungewollte.

Die 1962 durch die Direktwahl des Präsidenten modifizierte Verfassung von 1958 hat tatsächlich abgeschafft, was unbedingt abgeschafft werden mußte: die Kurzlebigkeit der Regierungen, die Unbeständigkeit der Mehrheiten, die Willenlosigkeit des Parlaments, die der Dritten und der Vierten Republik zum Verhängnis geworden waren. Dem Verfassungstext selbst hätten sehr verschiedene Wirklichkeiten entsprechen können. De Gaulles Persönlichkeit, de Gaulles Willen schufen ein System, in dem der Präsident die Richtlinien der Politik festlegt und der Premierminister direkt von ihm abhängt, obwohl er eine parlamentarische Mehrheit braucht.

Und doch ist der Präsident zu etwas anderem geworden als dem, was de Gaulle ursprünglich wollte. Er sollte die Nation verkörpern, über den Parteien stehen und über den parlamentarischen Auseinandersetzungen. Aber schön 1965 trat eine entscheidende Wende ein. Aus der Präsidentenwahl, die eine Bestätigung der charismatischen Persönlichkeit sein sollte, wurde ein echter politischer Kampf, den de Gaulle nur knapp gewann. Das war gewiß demütigend für ihn, aber für das heutige Frankreich war es ein Segen. Denn nun hatte de Gaulle, nun hatte seine Verfassung weitgehend jene plebiszitären Züge verloren, die sie für viele Oppositionelle so anstößig machten. Auch sah man jetzt klarer, daß auch ein anderer Präsident Autorität haben könnte – vorausgesetzt, daß der Wahlkampf nicht nur Männer, sondern organisierte politische Kräfte gegenüberstelle.