Pistenspaß und Ski-Chilbi

Auf dem Parkplatz wird keine Gebühr kassiert, an den Talstationen der Lifte gibt es keine Menschenschlangen, die Pisten sind breit ausgewalzt und vorbildlich markiert, am Ende der Abfahrt drückt man am "Bahnhof" einen Knopf, der dem Lokomotivführer ankündigt, daß man ein Stück bis zur nächsten Seilbahn mit dem Zügli zu fahren gedenke, und am späten Nachmittag trifft man sich beim "Ski-Chilbi", was, wörtlich übersetzt, Ski-Kirchweih heißt, jedoch ganz einfach fröhliche Tanzerei bedeutet.

So präsentiert sich neu auf dem alpenweiten Schneemarkt als eine Art kleines Skiwunderland eine Schweizer Gegend, die bisher vorwiegend durch trefflichen Käse und ein humoriges Lied bekannt war. "Mein Vater ist ein Appenzeller, der ißt den Käs’ mitsamt dem Teller..." Diese uralten Verse stammen aus einer Zeit, als die Appenzeller so arm waren, daß sie nicht einmal Teller hatten, den Käse auf Brotscheiben legten und beides zusammen verspeisten. Inzwischen haben sie genügend Teller – und sie haben alle Voraussetzungen geschaffen, mit Erfolg ins Winlersportgeschäft zu starten.

Appenzell, 785 Meter hoch, liegt mit seinen sechs wintersportlichen kleinen Nachbarorten Gonten, Jakobsbad, Weißbad, Schwende, Wasserauen und Brülisau in dem hügeligen, mit winzigen Dörfern und Bauernhöfen garnierten Voralpenland südlich von St. Gallen und hat als attraktive Kulisse das Alpsteingebirge mit den mächtigen Felswänden und Schneekaren und den 2504 Meter hohen Säntis. Davor erheben sich etliche skifreundliche Berge mit schönen freien Schneewiesen.

Über die Geschichte des ersten Skilifts berichten Einheimische, daß er vor etlichen Jahren noch "behördlich sabotiert" worden sei. Aber nun schnurren in der Umgebung von Appenzell bereits vier Seilbahnen und elf Skilifte. Und was für den skifahrenden Feriengast besonders wichtig und bequem ist: Allesamt können diese Aufzüge mit einem Sieben-Tage-Generalabonnement (im Hotel erhältlich, Paßphoto notwendig) beliebig oft benützt werden. Es ist in den Pauschalpreisen eingeschlossen, die vergleichsweise einmalig in den Alpen sein dürften. Je nach Unterkunft bewegen sie sich in den sieben Orten zwischen 230 Franken (191 Mark) und 300 Franken (249 Mark; Hotel 1. Kategorie, Zimmer mit Bad, Vollpension, der Skipaß und täglich zwei Stunden Skikurs). Das Angebot gilt ohne Saisonaufschläge von Januar bis Ende April. Und wer mittags droben im sonnigen Wedelgelände bleiben will, erhält für bestimmte Berggaststätten Essenbons. Ein guter Kundendienst.

Obgleich die schmalspurige Appenzeller Bahn und die Postbusse alle Talstationen der Seilbahnen bedienen, ist es gut, das Auto zur Verfügung zu haben, um alle Skimöglichkeiten gut nützen zu können. Es sind vier Gebiete:

Vor der Haustür von Appenzell ist Sollegg mit zwei Liften und drei leichten Abfahrtsrouten. Sechs Kilometer südwestlich ist der Kronberg (1663 m) mit Seilbahn und drei Liften, mit Normalverbraucher-, Steilhang- und einer Skibobpiste. Sechs Kilometer südöstlich sind der Hohe Kasten (1784 m), ein prächtiger Aussichtsberg mit rassiger alpiner Abfahrt, und die Ebenalp (1640 m) mit Seilbahn und zwei Liften in einem schneesicheren, von Felswänden flankierten Riesenkessel. Hier auch führt die abwechslungsreiche Talfahrt nach dem Dorf Schwende, wo am Gasthof Edelweiß ein kleiner Klingelknopf angebracht ist mit der Aufschrift: "Bitte drücken, wenn der Zug halten soll." Das Zügli, oft nur ein Triebwagen, bringt den Skifahrer, dann zurück zur Talstation der Seilbahn, zum Parkplatz oder nach Appenzell.

Ein Appenzeller Winterurlaub ist nichts für Pistenstiere und Kilometerfresser, wenngleich die Aufzugskapazität (etwa 6000 Personen in der Stunde) im Verhältnis zu den nur rund 500 Fremdenbetten in Appenzell und Umgebung natürlich Höchstleistungen im Auf- und Abfahren zuließe. Aber hektischen Skibetrieb kennt man hier noch nicht. Die 20 Skilehrer haben Miniklassen, im Gasthof Alpenblick, dem preiswerten "Skizentrum" in Schwende (22 Franken Vollpension), gibt es einen Skikindergarten, und in Gonten hat man sich auf den Skilanglauf spezialisiert. Durch ideales Gelände stapfen und schwitzen Skiwanderer auf zwei bis acht Kilometer langen präparierten Loipen. Langlaufausrüstung gibt es zu mieten, und im Hotel Bären können sich die Läufer anschließend sogar kostenlos unter die Dusche stellen.

Pistenspaß und Ski-Chilbi

Es ist alles sehr gemütlich. Die 5000-Einwohner-Hauptstadt Appenzell ist mit ihren buntbemalten Häusern ein eidgenössisches Schmuckstück. Erst seit etwa 40 Jahren lassen viele Appenzeller ihre Häuser mit heraldischen Farben und Motiven der alten Möbelmalerei bemalen. Schicke Geschäfte sind neben Käsehandlungen, die auch probate Rheumamittel wie "Ziegenbutter mit Kräutern zum Einreiben" verkaufen, in Antiquitätenläden findet man bäuerliche Altertumssammlungen, und am Landsgemeindeplatz verbirgt sich hinter der behäbigen rotbraunen Fassade des Gasthofs Säntis moderner Hotelkomfort, vortreffliche Gastronomie in urgemütlich getäfelten Stuben.

"Wir wollen nicht die großen Wintersportorte nachäffen", sagt der Verkehrsbürochef Walter Koller, der hauptberuflich das Lokalressort der Appenzeller Zeitung betreut. "Wir wollen neben dem modernen Wintersportangebot auch noch das Bodenständige bieten." Beatschuppen gibt es (noch) keinen; beim Ski-Chilbi wird noch eifrig der Appenzeller Walzer ("kurze Schritte, linksrum") gepflegt. Man hockt beim Kartenspiel und ereifert sich – soweit der Fremdling mit dem Appenzeller Dialekt zurechtkommt – bei Wein und Käse über das Frauenstimmrecht. Und um Mitternacht ist Polizeistunde.

Gert Kreyssig