Auf einer Festveranstaltung zum 53. Jahrestag

der Oktoberrevolution behauptete der Chefideologe des Kreml, Michael Suslow, kürzlich: "Die moralisch-politische Einheit der Sowjetgesellschaft ist heute fest wie nie zuvor." An dieser Feststellung zweifelt, wer das Aufbegehren zahlreicher Intellektueller gegen die Intoleranz des Parteiapparates verfolgt.

In die Reihe der Kritiker des Regimes hat sich jetzt erstmals auch der weltberühmte Cellist Mstislaw Rostropowitsch gestellt. Sein offener Brief an Prawda, Iswestija und andere Moskauer Zeitungen, der durch westliche Korrespondenten bekannt wurde, hat großes Aufsehen erregt, Der Meistercellist, der sich derzeit auf einer Konzert-Tournee durch die Bundesrepublik befindet, bezeichnet sein Schreiben als eine "innersowjetische Angelegenheit" und will dazu keine Erklärung mehr abgeben. "Der Inhalt des Briefes spricht für sich selbst", meinte Rostropowitsch auf Anfrage, "ich habe dem nichts hinzuzufügen."

Interpretationen des Autors erübrigen sich in der Tat. Um die Rehabilitierung seines Freundes Solschenizyn zu erreichen, der in Rostropowitschs Datscha bei Moskau wohnt, hat der Cellist kein Blatt vor den Mund genommen.

In seinem Brief wendet sich der 43jährige Musiker gegen die "Meinungsmacher", die sowjetische Schriftsteller, Künstler und Komponisten zensieren und jetzt auch den Nobelpreisträger Solschenizyn unter Druck setzten. "Ich kenne viele der Arbeiten von Solschenizyn", schreibt Rostropowitsch. "Sie gefallen mir. Ich bin der Ansicht, daß er durch sein Leiden das Recht gewonnen hat, die Wahrheit zu schreiben, so wie er sie sah. Ich sehe keinen Grund, meine Haltung ihm gegenüber zu einer Zeit zu verbergen, da eine Kampagne gegen ihn gestartet wird."

Einen Unterschied zwischen dem Umgang mit Künstlern während des stalinistischen Systems und der heutigen Sowjetführung sieht Rostropowitsch darin, daß es damals "Listen verbotener Arbeiten" gab. "Heute", so schreibt er, "zieht man mündliche Verbote vor, wobei man darauf verweist, daß diese Arbeit nicht erwünscht ist." Schließlich fragt der Cellist: "Warum haben gerade in unserer Kunst so häufig völlig inkompetente Leute das letzte Wort?"

Diese Frage ist von sowjetischen Künstlern schon häufiger gestellt worden. Der Parteiapparat hat sie meist mit Brachialgewalt beantwortet: mit Gefängnisstrafen oder der Einlieferung in eine Irrenanstalt. Auch in diesem Falle ist die Sorge begründet, daß die ungewöhnlich scharfe Attacke Rostropowitschs auf das Partei-Establishment Solschenizyn nicht nutzen, dem Cellisten aber schaden wird;