Die "englische Krankheit" – Inflation, schlechtes Management und Streiks – hat ihr erstes prominentes Opfer gefordert: Rolls-Royce ist praktisch bankrott, de Aktien sind von über 50 Shilling im letzten Jahr auf heute unter 8 Shilling gesunken. Doch das britische Statussymbol darf nicht sterben; die neue Regierung kann ihre Politik des Disengagements nicht mit allen Konsequenzen durchsetzen.

Mit 42 Millionen Pfund soll der Steuerzahler die "lahme Ente" (so der neue Regierungsjargon) wieder auf die Beine stellen, weitere 18 Millionen Pfund wollen die Londoner Banken beisteuern. Sir Denning Pearson an der Rolls-Royce-Spitze hat zwar "von der Pike auf gedient", muß nun aber einem "richtigen Manager", dem früheren Unilever-Boß Lord Cole, Platz machen –, eine Bedingung, die die Regierung gestellt haben soll.

Die Rolls-Royce-Katastrophe hatte man zwar erwartet, doch nicht in diesem Ausmaß: Fürs erste Halbjahr 1970 muß die Gesellschaft einen Verlust von 48,1 Millionen Pfund (über 400 Millionen Mark) ausweisen – 3,1 Millionen Pfund laufende Verluste, 35 Millionen Pfund erwartete Einbußen für 1971 bis 1975 und weitere 10 Millionen "für alle Fälle".

Dem Unternehmen ist damit das zum Verhängnis geworden, was die Briten im April 1968 als größten Exportauftrag aller Zeiten gefeiert hatten: die Bestellung von 600 Triebwerken für den amerikanischen TriStar-Mittelstrecken-Jumbo 10-11 von Lockheed. Rolls-Royce-Exportchef David Huddie wurde damals geadelt. Doch die nordenglischen Motorenbauer machten den gleichen Fehler wie ihre Schiffbaukollegen: Sie unterzeichneten langfristige Kontrakte, ohne die rapide Inflation zu berücksichtigen.

Sie unterzeichneten darüber hinaus noch, bevor das neue Triebwerk vom Typ RB-211 überhaupt entwickelt war. Dafür wollte man ursprünglich 65 Millionen Pfund aufwenden (mit einer Regierungsbeteiligung von 70 Prozent).

Dann ging alles schief: Rolls-Royce wollte mehr als die großen amerikanischen Konkurrenten und entwickelte gleichzeitig neun Triebwerke. – wie etwa für Concorde, Jaguar oder das MRCA –, während sich Pratt & Whitney beispielsweise mit vier Projekten begnügte.

Während der Verzögerungen stiegen die Lohnkosten allein um über zehn Prozent, die gesamte Entwicklung des Triebwerks RB-211 kostet nun 135 Millionen: Pfund, so daß die Regierung 42 Millionen zuschießen muß. Allein für dieses Projekt muß der Steuerzahler rund 800 Millionen Mark aufbringen.

Dies sei schon so viel – vermutet die "Financial Times" –, daß sich die Regierung nicht mehr weiter bei Rolls-Royce engagieren könne. Die 60 MillionenPfund für die Entwicklung eines Triebwerkes für den projektierten britischen Airbus BAC-311 werde man nun nicht mehr aufbringen können. Damit wäre die "Piste frei" für den europäischen Kurzstrecken-Jumbo A-300 B. few