Gewalt im Namen Christi

Von Lorenz Stucki

Die Wandlung, die sich in den letzten Jahren in der amerikanischen Kirche Südamerikas vollzogen hat, ist von weittragender Bedeutung. Die Kirche wurde seit dem Konzil und besonders seit der Bischofskonferenz, von Medellin in Kolumbien 1968 zur wichtigsten Kraft der Veränderung in ganz Südamerika – neben den Technokraten. Während die Technokraten planen und von der Höhe der Macht dekretieren, versucht die Kirche, den einfachen Menschen ihre Probleme bewußt zu machen und zu eigener Initiative zu aktivieren. Das geschieht meist im pädagogischen Geist der Sozialhelfer, teilweise aber auch im Namen der Revolution, von der eine Minderheit des Klerus in problematischer geistiger Anlehnung an die Marxisten die Beseitigung der Erbsünde erhofft.

Die katholische Kirche ist die einzige bedeutende Organisation, die ganz Lateinamerika umfaßt. In einzelnen Ländern, wie in Brasilien, ist sie die einzige Organisation, die sich mit vergleichbarer Kraft neben das autoritäre Regime zu stellen vermag. Zwar ist ihr Einfluß begrenzt durch einen erheblichen Priestermangel und manchenorts durch eine antiklerikale Tradition der Kultur-Oberklasse. Verschiedene protestantische Kirchen machen ihr mit zunehmendem Erfolg Konkurrenz. Trotzdem ist sie die mit Abstand wichtigste geistige Potenz in diesem Kontinent und verfügt durch das Prestige ihrer internationalen Hierarchie über eine beträchtliche Macht.

Noch bis vor wenigen Jahren war diese Macht ein gewichtiger Faktor der Stabilität. Heute ist sie ein Faktor der Unruhe und Unsicherheit: das ungeschriebene Bündnis zwischen Kirche und Status quo ist gekündigt.

Den meisten Priestern war es früher selbstverständlich, daß sich ihre Aufgabe auf die Betreuung des Seelenheils beschränke, auf die mehr oder weniger mystischen Kulthandlungen der Messe, der Taufe, Vermählung und Beerdigung und auf die Pflege des religiösen Gefühls, während die wirtschaftlich-sozialen oder gar die politischen Probleme der Menschen nicht ihre Sache seien.

Bruch mit der Tradition