Es hat sich offenbar schon weltweit herumgesprochen: Aus Hessen sind hochqualifizierte Naturwissenschaftler zu holen. Jedenfalls häufen sich bei den Mathematikern, den Physikern und Chemikern – sofern es sich um anerkannt gute Fachleute handelt – seit Monaten verlockende Angebote von der Industrie, von europäischen und überseeischen Forschungsstätten in nie zuvor erlebtem Maße. Selbst aus den Vereinigten Staaten, wo das Geld für die Wissenschaft nur noch spärlich fließt, treffen solche Offerten in Frankfurt, in Gießen, Marburg und Darmstadt ein. Denn an außerordentlich fähigen Naturwissenschaftlern herrscht nach wie vor überall großer Mangel – und in Hessen, wo es immerhin einige gibt, besteht Hoffnung, diese begehrten Forscher loseisen zu können.

In Hessen nämlich fürchten die Naturwissenschaftler, künftig keine Forschung von internationalem Rang mehr an den Universitätsinstituten treiben zu können. Der Grund für diese Sorge ist das Universitätsgesetz, das im Frühjahr vom Landtag verabschiedet wurde – woraufhin sofort alle vier Rektoren und Prorektoren von ihren Ämtern zurücktraten.

Dieses Gesetz fördere, so erklären nicht nur die Naturwissenschaftler, sondern über 500 Professoren aller Fakultäten, die sich zur Aktionsgemeinschaft Hessischer Hochschullehrer zusammengeschlossen haben, die Politisierung der Universität auf Kosten der wissenschaftlichen Effektivität. Vor allem empfinden die Gelehrten die "Ständigen Ausschüsse" als wissenschaftlichen Hemmschuh, weil diese Gremien, die vom Gesetz mit der Entscheidungsgewalt über alle vitalen Fragen der Lehre und Forschung betraut werden, nicht nach Fachinteressen, sondern nach Standesinteressen zusammengesetzt sind, nach politischen Kriterien also. Die jeweils acht Mitglieder dieser Ausschüsse werden vom Konvent gewählt, einem hochschulpolitischen Forum von Standesvertretern.

Es kann vorkommen, ja, es ist sogar sehr wahrscheinlich, daß zum Beispiel dem aus vier Professoren, einem Dozenten, einem Studenten, einem wissenschaftlichen und einem nichtwissenschaftlichen Bediensteten bestehenden Ausschuß, der den einzelnen Fachbereichen – also auch dem für Physik – Personalstellen und Sachmittel zuweist, nicht ein einziger Physiker angehört. "Das ist ein für sinnvolle Forschung unerträglicher Zustand", erklärt Professor Peter Fulde, 34jähriger Ordinarius an der Universität Frankfurt. Der bekannte theoretische Physiker zieht die Konsequenz daraus und gibt seinen Lehrstuhl auf.

Es fällt dem jungen Professor nicht leicht, die Arbeitsgruppe zu verlassen, die sich während seines dreijährigen Ordinariats im Frankfurter Institut zusammengefunden hat. Doch einer Forschung, deren Planung von Leuten reguliert wird, die von der Materie nichts verstehen, gibt er wenig Erfolgschancen. Physiker aber können sich in der relativ kurzen kreativen Phase ihres Lebens keinen Leerlauf leisten.

Ist es nicht auch Ärger mit radikalen Studenten, der ihn aus Frankfurt vertreibt? "Nein, das ist es entschieden nicht", sagt Fulde, "der gehört gewissermaßen zu unserem Beruf." Aber da ist auch noch der Paragraph 6 des Universitätsgesetzes, den Professor Fulde für höchst fragwürdig hält. "Er verpflichtet uns, unsere Kollegen öffentlich zu rügen, wenn wir glauben, ihre Forschungsergebnisse könnten gesellschaftlich bedenklich sein. Das öffnet der Denunziation Tür und Tor." Gerade naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse lassen sich leicht als gesellschaftlich bedenklich interpretieren. Welche neue Form der Energiegewinnung wäre nicht für Kriegszwecke zu gebrauchen, welche molekularbiologische Erkenntnis ließe sich nicht als Schritt auf dem Wege zur genetischen Manipulation der Ausgebeuteten verunglimpfen?

Diesen umstrittenen Paragraphen 6 hält Professor Hans-Joachim Queisser, 39 Jahre alt und seit fünf Jahren Ordinarius für angewandte Physik in Frankfurt, zwar für absurd, doch gravierender ist auch für den namhaften Festkörperphysiker die Übertragung der Entscheidungsbefugnis in Sachen Lehre und Forschung an die nach politischen Gesichtspunkten zusammengesetzten Ständigen Ausschüsse Queisser gibt aus diesem Grund am 1. März 1971 seinen Frankfurter Lehrstuhl auf und wird Direktor des Max-Planck-Instituts für Festkörperphysik.