Von Lothar Behr

Fahren Sie zur Wüstenstraße nach Alexandrien“, sage ich zu dem Taxichauffeur, denn von einer Automobilfabrik „Egyptian Light Transport Manufacturing Company“ hatte er. noch nie gehört. Der mindestens fünfzehn Jahre alte Chevrolet klappert durch die größte Stadt Afrikas, dann liegt die Wüste vor mir. Gleich neben der Straße duckt sich dort das Gebäude in den feinen Sand.

Ich bin am Ziel: Vor dem Tor stehen unrasierte Männer, die mich zum Chef führen. Sein Büro ist wenigstens kühl. Ich halte dem Mann ein Empfehlungsschreiben der deutschen NSU-Werke unter die Nase. Mohamed Basim schaut angestrengt auf das Blatt Papier. Freundlich bedeute ich ihm, daß er das Schreiben umdrehen müsse. Er lächelt. Dann zeigt er mir die wohl interessanteste Automobilproduktion der Welt, den „Ramses“, so benannt, nach dem großen Pharaonen Ramses II. aus der 20. Dynastie (1303 bis 1237 v. Chr.).

Das kleine Automobil, das mitten im heißen. Wüstensand – etwa 30 Kilometer von Kairo entfernt – unter fleißigen Fellachenhänden entsteht, hat viele politische und wirtschaftliche Stürme erlebt. 1960 war der findige Ägypter Mohamed Gougou auf die Idee gekommen, der Motorisierung des Pharaonenlandes nachzuhelfen und ein eigenes Automobil zu produzieren. Es sollte ein robustes Auto sein, das auf eine regelmäßige Wartung weitgehend verzichten konnte. Die NSU-Werke in Neckarsulm, damals selbst noch in den Automobil-Anfängen, waren bereit, Fahrwerk und Motor des damaligen Prinz III zu liefern.

Der erste Ramses hatte mit einem NSU-Auto allerdings recht wenig gemeinsam. Ramses I glich mehr einem gepanzerten Wüstenfahrzeug. Die Räder waren auffallend klein, Federung und Straßenlage erwiesen sich selbst für die nicht automobilverwöhnten Ägypter als recht ungenügend. Wie ein Jeep war das Fahrzeug offen und hatte nur ein Stoffdach als Sonnenschutz. Selbst die Einheimischen konnten sich für das inländische Produkt wenig begeistern.

Die erste Modelländerung erfolgte 1962: Mit. einem neuen Prinz-IV-Motor erhielt Ramses auch eine neue Karosserie, die im Laufe der Zeit immer mehr der deutschen NSU-Konzeption angepaßt wurde. 1965 war das Auto kaum mehr von einem Prinz IV zu unterscheiden. Die einzigen Merkmale waren eine etwas anders gestaltete Vorderpartie und die Typenbezeichnung in arabischen Schriftzeichen.

Die Ramses-Produktion ist keine herkömmliche Automobilfabrik: Das Wüstenauto ist das Arbeitsergebnis mehrerer hundert Fellachenhände. Drei bis vier Einheimische bearbeiten stundenlang mit Hämmern ein Stück Blech, bis die gewünschte Form zum Vorschein kommt und es sich dann nach einigen Korrekturen mit einem anderen Ramses-Teil vereinen läßt. Die Hersteller sind stolz auf das handgestrickte Auto, von dem Chef-Designer Abdel Wahed sagt: „Unsere neuen Automobile haben allmählich den Neckarsulmer Standard überschritten. Im Designing und wegen der Handarbeit!“