Thermos-Tip

Es war ein wunderbares, ein wirklich schönes Feriengefühl: das Auto draußen auf dem Huckepack-Waggon, wir drinnen im behaglich hergerichteten Schlafwagenabteil. Am späten Abend in Düsseldorf einsteigen, am frühen Nachmittag in Verona aussteigen, ausgeruht und gut gelaunt – was will man mehr?

Na, was wohl? Ein Frühstück am Morgen, natürlich. Aber auch daran hat die Bundesbahn gedacht. "Frühstück im Bett!" suggerierte in fünf Sprachen ein anregendes Plakat an der Innenseite der Schlafwagentür, man konnte es einfach nicht übersehen: das appetitlich arrangierte Tablett mit einem Kännchen Kaffee, zwei Brötchen, Marmelade, Honig, Butter, einer Orange, etwas Käse. Und wir beschlossen augenblicklich zu tun, was unter diesem Stilleben fünfsprachig empfohlen wurde. "Ein Rat: Bestelle noch heute abend!"

Der Schlafwagenschaffner lächelte in gebrochenem Deutsch ein bedauerndes "Nein!" Na gut, sagten wir, wenn nicht im Bett, dann eben im Speisewagen, der laut Plan für "Kufstein – Verona und zurück" angehängt werden sollte. Der Fahrpreis für die Benutzung des Autoreisezuges schien jedenfalls eine Versicherung gegen knurrende Mägen am Morgen einzuschließen. Aber unser schlafwagen-uniformierter Franzose gab zu verstehen, daß die Bahn zwar über einen Plan, aber nicht über das Personal verfüge, das nötig wäre, den Plan auch einzuhalten. "Vielleicht haben wir ihn falsch verstanden", trösteten wir uns und hofften auf ein Wunder.

Das Wunder erschien, nachdem die österreichische Grenze passiert war, in Gestalt eines kleinen Männleins, das einen flaschenklirrenden Wagen hinter sich herzog. "Bier, Limonade, Tee, Kaffee, warme Würstchen, Sandwich ..." Alle Türen öffneten sich, alle stürmten Mann und Wagen, und da der liebenswürdige Grauschopf jedesmal zuvorkommend fragte, ob man in Mark, Schilling oder Lire zu bezahlen wünsche, wurde es zehn vor elf, bis wir an die Reihe kamen.

Der österreichische Kaffee war von so guter Qualität, daß er den frühstückentweihenden Pappbecher akzeptabel machte. Dennoch schworen wir uns (und empfehlen es Freund und Feind), im nächsten Jahr auf die gute, alte Thermosflasche zurückzugreifen und Becher mitzunehmen, die nicht von Pappe sind. Denn ob 1971 noch jemand da sein wird, der Lust hat, Würstchenwagen plus Wechselgeldkassen über den schwankenden Boden eines ratternden D-Zuges zu schieben?

Und wer weiß, wie es bis dahin um Schlafwagen bestellt ist? Es könnte ja sein, daß nicht einmal mehr Ausländer ihr Taschengeld aufzubessern trachten, indem sie anderen Leuten die Betten machen. Mit unserem höflichen jungen Mann aus Frankreich ist jedenfalls nicht mehr zu rechnen. Er stammt aus Paris; ist Student der "Science Politiques"und hat, wie er sagte, für. die nächsten. Semesterferien andere Pläne. U. S.