Die knappe Reportage von Petra Lorenzen, 14 Jahre, sollte in ihrer Authentizität den Älteren zu denken geben. Den Aufsatz des Oberprimaners Bernd Ahrens und, im Zusammenhang damit, den Beitrag der Auslandskorrespondentin Helga Protte möchten wir zur Diskussion stellen. Bitte, schreiben Sie uns möglichst kurz und prägnant Ihre Meinung zum Religionsunterricht: Was mißfällt? Was sollte anders sein? Die wichtigsten Diskussionsbeiträge werden wir in einer der nächsten Ausgaben der ZEIT drucken.

Religionsunterricht wird an den Schulen Nordrhein-Westfalens klein geschrieben. Deutlich wird dies an der immer größer werdenden Zahl der Schüler, die dem Religionsunterricht fernbleiben oder sich befreien lassen. Die Kirche hat dies zwar bemerkt; aber eine Reaktion ihrerseits ist nicht festzustellen. Sie schiebt die Schuld den Lehrkräften in die Schuhe, bei denen der Begriff "Erzieher" verpönt ist und die ihre einzige Aufgabe immer mehr darin sehen, dem Jugendlichen eine Berufsgrundlage zu schaffen.

Schulleitung und Lehrer hingegen quittieren Anträge auf Befreiung vom Unterricht lediglich mit Achselzucken. Die wirkliche Misere wird nicht erkannt oder aber, wenn sie erkannt wird, unterschätzt, da es sich ja doch "nur" um den Religionsunterricht handelt.

Er ist ein Stiefkind innerhalb der Schule; und die Schüler messen ihm keine Bedeutung mehr bei. Die Möglichkeiten dieses Faches sind ihnen unbekannt; jedoch sollte das niemanden verwundern. In der Unterstufe wird nur allzuoft der Unterricht mit einem Gebet oder Kirchenlied eingeleitet. Volksschulklassen und Sexten serviert man ein trautes Bild vom "lieben Herrn Jesus", der auf seiner Tournee durch Palästina ein erfolgreiches Gastspiel nach dem anderen gegeben hat und der jetzt im Himmel zusammen mit dem "lieben" Gott ganz genau aufpaßt, daß wir auch schön gehorsam sind.

Ein Schüler, dem solches beigebracht wird, kollidiert mit der Realität. Er hat eine ganz bestimmte Vorstellung von Gott, die schon bald nicht mehr haltbar ist. In solchen Situationen läßt er dann nicht nur diese Vorstellung, sondern den Glauben an die gesamte Dreieinigkeit mit allem, was damit zusammenhängt, fallen und beginnt, meistens zu spät, mit der radikalen Selbsterziehung. Religionsunterricht ist immer noch Glaubensunterweisung, ungeachtet der Tatsache, daß Glauben sich nicht erläutern, geschweige denn beibringen läßt, sondern eine rein individuelle Erkenntnis ist.

Wenig besser sind die Zustände in der Oberstufe. Hier unterrichtet man sowohl Philosophie als auch Religion. Doch kaum ein Primaner möchte wissen, warum etwa Heidegger sich gezwungen sah, die Begriffe des "Wesens" und "nichtens" einzuführen. Und der Religionsunterricht ist dazu verdammt, überhaupt erst das "Interesse" der Schüler zu gewinnen. Dieses Interesse gilt viel stärker anderen, Themen: Die meisten Lehrer müssen sich mit Haschisch, LSD oder anderen Opiaten beschäftigen; sie müssen Marx und Castro lesen, um eine Diskussion über die Situation in Südamerika leiten zu können; oder sie beschäftigen sich mit Freud und Giese, um die Sozialstruktur unserer Gesellschaft zu analysieren (Thema Sexualethik). Der Lehrer muß Themen wählen, die "up to date" sind. Über solche Themen könnte sich der Schüler aber auch selbst informieren, da entsprechende Literatur massenweise auf den Markt geworfen wird.

Der Sache gerecht würde man, so glaube ich, jedoch nur durchweine Zusammenfassung der beiden Fächer Religion und Philosophie. Die Verschmelzung zur Religionsphilosophie eröffnet neue Unterrichtsbereiche, die der geistigen Kapazität eines Primaners voll entsprächen. Es muß So weit kommen, daß der Schüler einsieht, daß Begriffe wie Gott, Existenz, Leben oder Tod zu relativieren sind. Er muß begreifen, daß die Existenz des Christen- und Judentums persönliche, politische und ökonomische Ursachen hat. Solange aber der Religionsunterricht der Kontrolle der Kirchen unterliegt, die zu einer grundsätzlichen Selbstkritik nicht in der Lage sind, ist eine sinnvolle Lösung nicht zu erwarten.

Die Schuld liegt keineswegs bei den Religionslehrern. Sie mußten, um ihren Beruf ausüben zu können; Theologie studieren, sind somit also in ihrer Geisteswelt konfessionell beschränkt. Erst eine Reform ihrer Ausbildung hätte eine Reform des Religionsunterrichts zur Folge. So lange allerdings wird die Bedeutung dieses Faches mit Recht zweitrangig bleiben. Bernd Ahrens