Die Gewinne sinken, einige Firmen führen Kurzarbeit ein, an der Börse herrscht Baisse – droht eine neue Rezession?

Die Kurse fallen und fallen. Innerhalb von zwölf Monaten haben die deutschen Aktien 25 Prozent ihres Wertes eingebüßt. Und was aus dieser Durchschnittszahl nicht hervorgeht: Bei Spitzenwerten wie etwa Bayer oder BASF sind die tiefsten Notierungen der letzten zehn Jahre unterschritten worden.

Natürlich gibt es genug Erklärungen für diese Baisse. Da ist die internationale Hochzinspolitik, die von den Notenbanken als Kur gegen die Inflation verordnet wurde, da ist in der Bundesrepublik die – berechtigte oder unberechtigte – Sorge vor einer drastischen "sozialistischen" Steuerpolitik und anderen Eingriffen in die Wirtschaft. Letztlich entscheidend aber ist der starke Rückgang der Gewinnmarge in der Industrie. Ganz simpel: Wenn ein Unternehmen weniger verdient, wird kaum der Kurs seiner Aktien steigen.

Die Unternehmer klagen schon lange über den "Boom ohne Profit". Die in den letzten Wochen veröffentlichten Zwischenberichte einiger Aktiengesellschaften beweisen, daß es sich hierbei nicht um das gewohnte Gejammer von Interessenvertretern handelt: Wenn in einer Wachstumsbranche wie der chemischen Industrie die Gewinne bis zu 25 Prozent und mehr sinken, dann ist das nicht nur für die Börse ein Alarmzeichen. Zahlen beweisen, wie töricht es ist, wenn manche Gewerkschaftsfunktionäre noch immer argumentieren, die "Gewinnexplosion" bei den Unternehmen sei schuld am Preisauftrieb.

Das Gegenteil ist richtig: Die Preise sind nicht so schnell geklettert, daß die höheren Kosten ausgeglichen werden konnten. Und vielleicht wird sich schon bald erweisen, daß die teilweise drastische Minderung der Unternehmensgewinne ein noch größeres ökonomisches Übel darstellt als die fortdauernde Teuerung. Nicht ohne Grund warnt die Bundesbank in ihrem neuesten Bericht, ein anhaltender Gewinnverfall müßte auf längere Sicht die Investitionskraft der Wirtschaft schmälern, und schließlich die Vollbeschäftigung gefährden.

Die Konjunkturforschungsinstitute haben sich in ihrer Gemeinschaftsprognose für 1971 relativ zuversichtlich gezeigt, Klaus Dieter Arndt vertritt sogar die Ansicht, die Gefahr einer Rezession sei heute erheblich geringer als noch vor einem Jahr. Viele Praktiker der Wirtschaft sind anderer Meinung. In der Chemie und der Automobilindustrie klagt man; über Schwierigkeiten im Auslandsgeschäft ("die Folgen der Aufwertung werden für uns erst jetzt richtig spürbar"), in der Elektroindustrie hat man in einigen Betrieben Kurzarbeit eingeführt.

Gewiß muß man sich davor hüten, aus solchen Einzelfällen allgemeinverbindliche Schlüsse zu ziehen. Aber auszuschließen ist es nicht, daß auch wir wie die USA aus dem Boom in die Stagnation gleiten, ohne daß dadurch der Preisauftrieb gebremst wird. Und wie beim Aufschwung kommt auch beim Abschwung meist ein Prozeß der Selbstbeschleunigung in Gang: der Weg bis zur Rezession ist dann nicht mehr allzu weit.