Schlüsselfertig für die Scheiche

Von Ingeborg Zaunitzer-Haase

Staatssekretär Rohwedder vom Bundeswirtschaftsministerium schrieb einen Brief an den Zentralverband des deutschen Baugewerbes. Aus konjunkturpolitischen Gründen, so heißt es darin, sähe die Bundesregierung es "nicht ungern", wenn ausländische Baufirmen, in Deutschland tätig würden. Mit boshafter Ironie fügte er hinzu: "Ich denke dabei auch an die Kapazitätsengpässe, auf die die Bauindustrie in den letzten Monaten wiederholt hingewiesen hat."

So wenig deutsche Baufirmen über ausländische Wettbewerber am heimischen Markt begeistert sind, so stark sind sie andererseits daran interessiert, selber mehr als bisher im ausländischen Baugeschäft Fuß zu fassen. Aber, so heißt es in einer Broschüre des Exportausschusses Bauwirtschaft beim Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, "Ursachen, die außerhalb der unternehmerischen Verantwortlichkeit liegen, hemmen den deutschen Auslandsbau".

Gemeint sind dabei vor allem Benachteiligungen gegenüber ausländischen Konkurrenten, wenn es um Finanzierungs- und Steuerfragen geht, um Garantien und Bürgschaften, um Zollabkommen, internationale "Gegengeschäfte" und um Exportsubventionen aller Art.

In der Tat steht die Bundesrepublik als Bau-Exportland erst an fünfter Stelle der Rangliste der westlichen Welt: hinter den USA, Großbritannien, Frankreich und – mit Ausnahme des Jahres 1969 – Italien. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Bundesrepublik dennoch einen Auslands-Baurekord: In den Büchern deutscher Bauunternehmer sammelten sich Aufträge für knapp 1,5 Milliarden Mark, das waren rund 1,5 Prozent des gesamten Bauvolumens in der Bundesrepublik. Die Höhe dieses Bauexports war allerdings ein Extremfall: Im Jahr zuvor wurden nur ein Drittel so viele Bauleistungen fürs Ausland gebucht, und auch 1970 dürfte der Rekord des Vorjahres nicht wieder erreicht werden.

Dabei wird etwa die Hälfte des Auslands-Bauvolumens aus nationalen und internationalen Entwicklungshilfe-Fonds finanziert. Nur ein gutes Drittel der Kosten muß unmittelbar von den Auftraggebern bezahlt werden.

Auftragmindernd wirkte sich nicht nur die Mark-Aufwertung aus. Die Kreditverteuerungen – auch jene der "Ausfuhr-Kredit GmbH" und der Kreditanstalt für Wiederaufbau – waren so erheblich, daß nur die wenigsten Firmen es wagen konnten, sie voll in den Preisen weiterzugeben.

Schlüsselfertig für die Scheiche

Die Bau-Exporthausse des Jahres 1969 war denn auch nicht auf einen plötzlichen Nachfrage-Boom ausländischer Auftraggeber zurückzuführen, sondern darauf, daß drei Großaufträge mit einem Volumen von zusammen 770 Millionen Mark die Auftragsoptik bestimmten. Die Zahl der Aufträge ging sogar – 234 gegenüber 294 im Jahr zuvor – zurück.

Überhaupt zeigt es sich immer deutlicher, daß der Auslandsbau im Wesentlichen eine Angelegenheit großer Firmen ist. Zwei Drittel des Auslands-Bauvolumens werden von vier Firmen, 85 Prozent von zehn Firmen erstellt. 20 der insgesamt 39 deutschen Firmen, die im vorigen Jahr Auslandsaufträge erhielten, bauen davon nur 3,7 Prozent.

Der politische Streit um den Sambesi-Staudamm bei Cabora Bassa in der portugiesischen Kolonie Mocambique brachte den deutschen Auslandsbau ins Gerede. Der Streit ist um so ernster zu bewerten, als gerade die deutsche Bauindustrie immer wieder den politischen Aspekt ihrer Auslandstätigkeit betont. "Bauen im Ausland", so heißt, es in einer ihrer Broschüren, "macht aus der anonymen Kapitalhilfe praktische Entwicklungshilfe."

Daß so etwas auch als Unterstützung der Kolonialpolitik aufgefaßt werden könnte, gehört zum Risiko der Bauunternehmer. Für die Cabora-Bassa-Firmen wäre der Verlust des Auftragsvolumens von 1,25 Milliarden Mark nur schwer zu verkraften. Allein der Anteil deutscher Firmen – des Konsortialführers Siemens, der AEG-Telefunken, BBC in Mannheim, Voith und Hochtief in Essen – liegt bei einer halben Milliarde Mark.

Deutsche Baustellen finden sich zur Zeit in weit über fünfzig Ländern der Welt. Fertiggestellte deutsche Bauten gibt es in nahezu sämtlichen Staaten außerhalb des Ostblocks. Je weiter entfernt deutsche Baustellen liegen, um so größer sind sie gewöhnlich. So ist es unter anderem zu erklären, daß der Schwerpunkt deutscher Auslandsbautätigkeit – am Auftragswert gemessen – in Asien liegt. 1969 gingen zwar nur 15 Aufträge aus diesem Kontinent an deutsche Firmen. Der Auftragswert betrug jedoch immerhin 788,7 Millionen Mark. Aus europäischen Ländern hingegen kamen im vergangenen Jahr 101 Aufträge für deutsche Firmen. Ihr Volumen lag aber bei nur 100,5 Millionen Mark – pro Auftrag also bei einer Million.

Am zweitstärksten mit deutschen Baustellen versehen ist Afrika. 1969 konnten aus dem "schwarzen Kontinent" 95 Aufträge von deutschen Firmen verbucht werden. Auftragsvolumen: 468,5 Millionen Mark. Es folgt Lateinamerika. Die im letzten Jahr vergebenen 23 Aufträge aus Argentinien, Brasilien, Ecuador und Venezuela umfaßten 110,9 Millionen Mark.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind für Bauunternehmen der Bundesrepublik nahezu ein "weißer" Fleck auf der Landkarte. Nur selten findet ein US-Bauauftrag den Weg in deutsche Orderbücher.

Schlüsselfertig für die Scheiche

Magnet Nummer eins deutscher Baufirmen ist das reiche: Ölscheichtum Abu Dhabi am Arabischen Golf. Dieses Land rangiert im Pro-Kopf-Einkommen noch vor den USA an der Spitze der Weltliste. Dieser Reichtum erklärt die Existenz riesiger Bauvorhaben. In Abu Dhabi wird zur Zeit ein großer Hafen gebaut. Den Auftrag dazu erhielt im Jahre 1967 die Held & Francke Bau-AG., München, dazu im vorigen Jahr einen Ergänzungsauftrag. Gesamtvolumen: 85 Millionen Mark.

Mit Lieferantenkrediten "aushelfen" mußten die Firmen Huta Hegerfeld AG., Essen, und Karl Stöhr KG., München. Gemeinsam mit einem einheimischen Partner erhielten sie den Auftrag der persischen Regierung zum Bau des Sangban- und Ziaran-Umleitungsdammes zur besseren Nutzung der kärglichen Wasservorräte der Flußläufe des Landes. Volumen: 48 Millionen Mark.

Pech mit Persien hatte die deutsche Dorna-Baugruppe. Mit ihrer Tochter "Royal Dorna Iran" wollte sie dort mehr als 50 000 Wohnungen bauen. Das Bauvolumen sollte in sieben Jahren rund 750 Millionen Mark erreichen. Nun stehen die Dorna-Gesellschafter unter dem Verdacht, zur Finanzierung dieser Projekte Gelder nach Persien transferiert zu haben, die ihnen von deutschen Kunden, zum Bau Von Eigenheimen zur Verfügung gestellt worden waren. Die Folge des Persien-Abenteuers: Zahlungsschwierigkeiten daheim.

Für 44,5 Millionen Mark erweitert die Ed. Züblin AG., Duisburg, den Port-Swettenham-Hafen im Einzugsbereich Kuala Lumpurs in Malaysia. Finanzierung: Kapitalhilfekredit der Bundesregierung plus malaysische Staatsmittel.

Kürzlich fertiggestellt wurden auf der Insel Penang – gleichfalls in Malaysia – zwei große Wohnungsbauprojekte der Hochtief AG. Gebaut wurden sechs Häuser mit je 17 und drei Häuser mit je 18 Geschossen. Erstmalig wurde dabei in so großer Entfernung vom Firmensitz die "totale Vorfertigung" im Fließbandverfahren praktiziert.

Die größte Baustelle im Ausland, an der deutsche Firmen jemals mitwirkten, ist nach wie vor der Tarbela-Staudamm in Pakistan. Hier soll bis zum Jahre 1976 gebaut werden. Am Gesamtvolumen von 2,5 Milliarden Mark sind fünf deutsche Firmen beteiligt: die Hochtief AG., die Philipp Holzmann AG., die Strabag-Bau AG., die Ed. Züblin AG. und die C. Baresel AG. Das Bauvolumen dieser deutschen Tarbela-Partner liegt bei 420 Millionen Mark.

Ein bei deutschen Firmen sehr beliebtes Auftraggeberland ist auch Saudi-Arabien. Hier bauen zur Zeit – unter anderem – die Siemens-Bauunion GmbH., München, eine Zementfabrik und die Firma Polensky & Zöllner, Frankfurt, ein Wasserversorgungssystem. Die Finanzierung besorgen die staatlichen saudiarabischen Auftraggeber.

Schlüsselfertig für die Scheiche

Stark mit Entwicklungsgeldern finanziert werden Objekte in Afrika. So bauen – großenteils mit Weltbankmitteln und Geldern der "Internationalen Entwicklungsorganisation (IDA)" – die Frankfurter Philipp Holzmann AG. und die Kölner Strabag-Bau-AG. – gemeinsam mit einem italienischen Partner – für Sambia und Tansania einen 170 Meilen langen Straßenabschnitt.

In Gabun baut die Strabag – zusammen mit einem französischen Partner – einen Hafen für Hochseeschiffe und einen Hafen für Küstenschiffe nebst einer Verbindungsstraße, und einer Brücke. Finanzierung: der Europäische Entwicklungsfonds (EEF).

Das größte deutsche Bauunternehmen in Brasilien dürfte die Hochtief sein mit ihrer Tochter Hochtief do Brasil S.A. Sie baute – unter anderem – einen Erweiterungsbau des dortigen VW-Werks und plant – zusammen mit der Deutschen Eisenbahn Consulting GmbH-, Frankfurt, und einem brasilianischen Partner – die ersten U-Bahn-Linien der Millionenstädte São Paulo und Rio de Janeiro. Sie ist beteiligt an der Errichtung eines Atomkraftwerks in Argentinien und am Bau einer großen Straße.

Aus einem europäischen Land ging im letzten Jahr nur ein einziger Großauftrag an eine deutsche Firma. Mit einem Weltbankkredit wird das Pumpspeicherwerk Turlough Hill in Irland finanziert. Sämtliche Arbeiten – in zwei Lose aufgeteilt – werden von deutschen Firmen ausgeführt. Nur ein irischer Partner ist mit von der Partie. Auftragswert: zusammen rund 59 Millionen Mark.

An größeren europäischen Bauvorhaben sind deutsche Firmen, wenn überhaupt, nur zusammen mit in- und ausländischen Partnern beteiligt. Ein Beispiel: Die Münchner Dyckerhoff & Widmann KG. baut eine der Kraftanlagen der "Oberstufe Zemmkraftwerk" in Österreich.

In Belgien gelang es erstmals einer deutschen Firma, mit einem preiswerten Angebot eine Ausnahmegenehmigung des zuständigen belgischen Ministers zu erhalten und am Bau der Autobahn Brüssel–Lüttich maßgeblich beteiligt zu werden. Das Los umfaßt 22,5 Millionen Mark. Anteil der deutschen Firma, der J. Stewering & Söhne: 78 Prozent.

Daß es noch keinen gemeinsamen europäischen Baumarkt gibt, wird von der deutschen Bauwirtschaft sehr bedauert. Nicht ohne Grund: mit einem Anteil von 1,6 Prozent am Auslands-Bauvolumen in den anderen EWG-Ländern sind deutsche Unternehmen überaus schwach vertreten. Gerade von der EWG erhoffen sich deutsche Baufirmen jedoch Zukunftschancen, zumal auf den Weltmärkten die Konkurrenz bestimmter "Newcomer" – Baufirmen aus Jugoslawien, Japan und Israel – immer heftiger wird.

Aber Deutschlands Bauwirtschaft ist guten Mutes. Sie will enger als bisher mit Frankreich zusammenarbeiten. "Die Erfolge der deutschen Bauwirtschaft", so heißt es in dem kürzlich erschienenen Jahrbuch des Deutschen Baugewerbes, Ausgabe 1970, "wurden nämlich besonders in Arbeitsgemeinschaften mit französischen Partnern erzielt. Dies scheint auch für die Zukunft der erfolgversprechendste Weg zu sein."