In den Börsensälen herrscht Gewinnalarm. Nach Bayer und Royal Dutch mußte auch der holländische Elektrokonzern Philips für das dritte Quartal 1970 einen empfindlichen Gewinnrückgang eingestehen. Die im Frühjahr gemachte Voraussage der Philips-Verwaltung von einer möglichen 20prozentigen Gewinnsteigerung wird sich als falsch erweisen. Franz Heinrich Ulrich, Spreder der Deutschen Bank, räumte ein, daß die in einer Broschüre unter Mitwirkung von Analytikern der Deutschen Bank in der vorigen Woche veröffentlichten "Schlüsselzahlen" zu optimistische Gewinnschätzungen aufweisen. Diese Schätzungen seien schon im August vorgenommen worden, entschuldigte Ulrich diese Panne. Inzwischen hatte sich die Situation verschlechtert.

Tatsächlich scheint es mit den Gewinnen rasch bergab zu gehen. Sicherlich sieht Karl-Oskar Koenigs, Teilhaber des Bankhauses B. Metzler seel. Sohn & Co, Frankfurt/Main, die Zukunft zu schwarz, wenn er meint, daß die Gewinne 1971 sich der "Nullinie" nähern werden. Aber es gibt doch zu denken, wenn die Bundesbank in ihrem Bericht über Oktober schreibt, daß die Gewinnmargen stärker gesunken sind, als sie während des letzten Konjunkturaufschwungs gestiegen waren. Und es gibt noch mehr zu denken, wenn die Bundesbank in diesem Bericht eigentlich keinen Raum für Hoffnungen auf eine baldige Beendigung ihrer harten Restriktionspolitik läßt. Die Kurse von AEG und Siemens beschleurigten ihre Abwärtsbewegung, als am Freitag vergangener Woche die Nachricht über Kurzarbeit bei AEG in die Börsensäle drang. Bis dahin hatten sich die Elektroaktien noch gut gehalten, veil man wußte, daß in diesem Bereich im Jahre 1970 die Gewinne noch konstant bleiben werden. Die Ereignisse bei AEG machen indessen deutlich, daß auch in der deutschen Elektroindustrie die Talfahrt der Gewinne begonnen hat.

Daß die pessimistische Stimmung der Bezugsfreudigkeit der Bayer-Aktionäre nicht gerade zuträglich war, ist verständlich, obgleich man hier klaren Kopf behalten sollte. Die Bayer-Aktie ist zu einem "Rentenpapier mit Besserungsschein" geworden. Bei einem Aktienkurs von 119 ergibt sich für mindestens zwei Jahre (für 1970 und 1971 hat die Verwaltung eine Dividende von 8 Mark für die 50-Mark-Aktie in Aussicht gestellt) eine Rendite von etwas über 7 Prozent. Wenn nun der Zins in der Bundesrepublik sinken sollte – und dafür bestehen zumindest im kommenden Jahr handfeste Anzeichen –, dann müßte davon der Bayer-Kurs am ehesten profitieren.

Echte Vorsicht ist gegenüber, allen Papieren geboten, deren Kurs durch den Ertrag heute nicht mehr gerechtfertigt wird. Das trifft insbesondere für Schering zu. Wenn die Schering-Verwaltung erklärt, man könne mit dem gleichen Gewinn rechnen wie für 1969, dann ist das wenig tröstlich. Der vom Ertrag her gesehen zu hohe Schering-Kurs ließ sich nur so lange rechtfertigen, wie sichere Beweise für einen Aufkauf der Aktien vorlagen. Seit Monaten gibt es jedoch solche Beweise nicht mehr.

Das ist auch der Grund, warum sich vor einigen Wochen Versicherungen von ihren Schering-Beständen getrennt haben. Sie konnten dabei – noch Buchgewinne erzielen, die sie dringend zum Ausgleich der Effektenabschreibungen brauchen. In der Vorwoche soll sich nun auch ein Fonds von seinen Schering-Aktien getrennt haben.

Ähnlich wie bei Schering steht es bei Linde. Auch hier ist der auf 210 gesunkene Kurs immer hoch vom Gewinn her betrachtet zu hoch. Dabei liegt die Linde-Notiz bereits um. 36 Prozent unter ihrem diesjährigen Höchstkurs! Auch hier gab es Aufkauf-Phantasie, die sich in den letzten Baisse-Wochen verflüchtigt hat. Besonders der Investors-Fonds soll hier Federn gelassen haben. K. W.