Nachtrag zur Hessenwahl

Frankfurt/ Main

Unmittelbar nachdem die Ergebnisse der hessischen Landtagswahlen bekanntgegeben wurden, glaubte der enttäuschte SPD-Kandidat des Wahlkreises 39 (Frankfurt-Westend, Bockenheim, Rödelheim), der Bundesvorsitzende der Jungsozialisten Karsten D. Voigt, daß er "persönlich" verloren hatte. Im Vergleich zum Abschneiden seines Vorgängers im Jahre 1966 hatte er 8,9 Prozentpunkte eingebüßt, seine Kontrahentin von der CDU, die Hausfrau Ruth Beckmann aber dagegen 11,1 Prozentpunkte gutgemacht und den hohen Favoriten für ein Mandat im Wiesbadener Parlament vom sicher geglaubten Thron gestürzt.

Zahlreiche Beobachter mit der Fähigkeit – zur schnellen Analyse reduzierten das Resultat auf einen Knüller und lieferten die Schlagzeile, wonach ein prominenter linker Jung-Star einer namenlosen bürgerlichen Hausfrau unterlegen sei, sogleich hinzu. Die Niederlage von Karsten Voigt schien einen Trend zu beweisen, der die Verluste der SPD im traditionell "roten Musterland offenbar erträglicher machte. Nach der Lesart jener Kommentatoren setzte sich das schlechte Abschneiden von Osswald und Genossen zu einem Teil aus "Leihgaben an die FDP" (Notopfer Bonn) und zum anderen aus einer klaren Absage an "alle radikalen Kräfte" – so der Fraktionsvorsitzende Werner Best – zusammen.

Soweit er die unbeliebten Jungsozialisten in seine Überlegungen einbezog, irrte Werner Best. Und eine Woche später freute es Karsten Voigt, daß auch er sich zunächst einem Trugschluß zum eigenen Nachteil hingegeben hatte. Denn die Jusos schnitten in der Tat gar nicht so miserabel ab, wie es die Zahlen der ersten Stunde nach Auszählen der Wählerstimmen ausgedrückt haben mochten. Vergleiche bewiesen, daß gestandene Sozialdemokraten zumindest den gleichen Sympathieschwund in Kauf nehmen mußten wie die Kandidaten der jungen Generation, denen allzu schnell nachgesagt wurde, sie hätten mit der Proklamation unausgegorener linker Experimente der Partei empfindlich geschadet.

Eine Woche nach dem Wahltag sah für Voigt die Welt schon wieder viel freundlicher aus. Da nämlich hielt er das Zahlenwerk eines Computers aus der Frankfurter Helmholtz-Schule in der Hand, das ihm und dem erstaunten Laien zu einer neuen Beurteilung der Lage verhalf.

Ergebnis: Der Bundesvorsitzende hatte nicht mehr verloren als andere Kandidaten seiner Partei in der Main-Metropole wie in fast allen übrigen Großstädten und Ruth Beckmann um 1,2 Prozent weniger gewonnen als die Union im Landesdurchschnitt (plus 12,3).