Kritisches zu den Sportfilmtagen in Oberhausen

Von Ulrich Kaiser

Die Stimmung, in der sich die Jury der Oberhausener Sportfilmtage 70 morgens gegen vier Uhr trennte, besaß nichts von einer "Dashaben-wir-aber-fein-gemacht-Reaktion". Es gab auch nicht den geringsten Anlaß dafür. Das Resultat mehr oder weniger hitziger Diskussionen spiegelte aber eine Tatsache wider, die bereits bei der ersten Veranstaltung vor zwei Jahren Grundlage jeder Diskussion war: Die Unsicherheit darüber, was nun überhaupt Sportfilme sind, was sie aussagen sollen, ob sie außer Sport überhaupt etwas aussagen sollen – wenn ja, was. Das fand seine Fortsetzung nach der Preisverteilung, als sich die Enttäuschung der (Sport-) Filmemacher der beiden deutschen Fernsehanstalten ausdrückte: Das ZDF, das wiederum wie 1968 ungekiirt die Stadthalle verließ, die ARD, deren einziges prämiiertes Stück der Streifen über den Rennfahrer Jochen Rindt (It’s Jochen) war; der Film wäre auch gut, wenn Rindt noch leben würde.

Diese Sportfilmtage in der Oberhausener Stadthalle, entsprungen der Idee von Sportlern und durchgeführt von dem eingespielten Apparat der Kurzfilmtage, haben sich trotz ihres jungen Alters zu den mit bedeutendsten der Welt gemausert. Nach allem Abwägen bleibt aber die resigniert klingende Feststellung, daß sie ein Niveau besaßen, das mit jenem Superlativ nicht mithielt.

Die Juroren dürften es in diesem Jahr leichter gehabt haben als bei der Geburt 1968. Das ergab sich aus der Neufassung des Reglements, das nun nicht mehr Kinofilm, Fernsehfilm und Lehrfilm in einen Topf warf, sondern säuberlich trennte. Daß aber auch dieses System nicht bis zur letzten Konsequenz befriedigte, beweist allein die Vergabe des großen Preises für Kinofilme an den britischen Streifen von Tom Clegg "It’s all in the game, isn’t it" – grob übersetzt: "So ist das nun mal im Sport." Der halbstündige Film war gemeldet für die Fernsehkategorie und auch produziert von einer Fernsehgesellschaft. Der Taschenspielertrick der Jury bestand darin, ihn in das Kinofilm-Programm zu manipulieren, wo nach seiner Aussage auch sein Platz war: Eine nahezu unbewegliche Kamera in der Umkleidekabine eines Profiboxers fängt mit den spärlichsten dramaturgischen Mitteln das Eintreffen des Mannes, seine Umkleideprozedur, ein wenig vom Kampf, wie er sich nachher wäscht, wieder anzieht, nach Hause geht, auf. Die Gesichter der Betreuer, in denen zu lesen steht, daß sie wissen, sie betreuen eine "Flasche", die wenigen Dialoge ("Nun zieh schon endlich die Schuhe aus") sagen viel mehr über den armen, manipulierten Kerl, als viele Worte.

Fernsehleute nicht gefragt

Für die Sportfilmtage 70 waren insgesamt 237 Filme eingereicht worden – 159 Kinofilme, 52 Fernsehfilme und 26 Lehrfilme. In die Wettbewerbe kamen noch 35 Kino-, 18 Fernseh- und 8 Lehrfilme. Sogar in der internationalen Jury war man sich in diesen Tagen klar darüber, daß die qualitativ besten Filme im Fernsehprogramm zu sehen waren; sie honorierte diese, ihre eigene Meinung, allerdings nicht bei der Vergabe der neun Hauptpreise (zu tausend Mark), die fast unabhängig von den drei großen Preisen (zu 5000 Mark) zu verteilen waren.